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»Wir sind hier zwischen den Welten« Donnerstag, 12 Juli 2018 09:43 Foto: Jörg Scheibe

»Wir sind hier zwischen den Welten«

Die Adresse lautet Tetzelstein 1 und bezeichnet die Waldgaststätte Tetzelstein im Elm. Ein Haus im Grünen, ein Haus ohne Nachbarn, ein Haus im bürokratischen Zwiespalt: einerseits Ortsteil von Schöppenstedt, andererseits mit der Postleitzahl von Königslutter. Das gibt Probleme. Pakete haben es schwer. Paketboten auch. Thomas Heldt: »Wir sind hier zwischen den Welten.«



Heldt ist Wirt und Besitzer der Waldgaststätte Tetzelstein und sein eigener Event-Manager. Er organisiert Musiknachmittage, zusammen mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche die »Kirche im Grünen« und gibt halbjährlich eine Zeitung heraus, Historisches rund um den Elm. Schließlich ist die Stätte selbst von historischer Bedeutung. Hier hat ein Edelmann den Ablass­prediger Tetzel überfallen und ausgeraubt. Nicht ohne vorher für diese böse Tat einen Ablass gekauft zu haben. So will es die Legende.

Musiksommer und Kirche im Grünen

Wer Musiknachmittage organisiert und eine Zeitung herausgibt braucht ein Büro: PC, Farb-­Laserdrucker, Laminiergerät, Fax und DIN A3-­Drucker. All das besitzt Thomas Heldt. Eine E-Mail aber hat er nicht. Dabei soll es doch noch dieses Jahr in ganz Deutschland schnelles Internet geben – für alle und überall. Reichen die 2,7 Milliarden Euro des Bundesverkehrsministers nicht bis in den Elm? Thomas Heldt glaubt nicht daran: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Leitungen hier herauslegt. Das ist teuer und ökonomisch nicht lohnend.« Und: Es geht auch ohne, wenn man seine Werbung selbst macht. Zum Beispiel den Flyer zum »Musiksommer« im Juli und August: drei Veranstaltungen, drei Samstage, drei Nachmittage mit der Red Onion Company, den Saratoga Seven und den Sueño del Sol. Die »Kirche im Grünen« der Propsteien Königslutter und Schöppenstedt beinhalten sogar sechs Andachten unter freiem Himmel, und das seit über dreißig Jahren. Der Posaunenchor spielt, es gibt zu essen, zu trinken, Café und Kuchen. Ein Event.

Thomas Heldt ist zufrieden: »Ich habe die Erfahrung gemacht, dass unsere Veranstaltungen in der Ferienzeit sehr gut laufen, außerhalb aber katastrophal.« Im September sei die Konkurrenz zu groß und im Oktober könne das Wetter schlecht sein. »Den Musiksommer machen wir seit vier, fünf Jahren. Die Veranstaltungen werden auch nachgefragt. Es ist gut, wenn Dinge bleiben.« Das Haus am Tetzelstein ist dafür das beste Beispiel: es existiert seit 1884.

Rentner auf Probe

Thomas Heldt wuchs in Braunschweig in der Wolfenbütteler Straße auf zwischen den Braue­reien Feldschlösschen und Wolters, »in der Nase den Duft des Malzes.« Er lernte Bankkaufmann, ging im Alter von zwanzig Jahren nach Berlin, arbeitete dort zwanzig Jahre und wollte sich dann zur Ruhe setzen. Sein Vorbild: der Großvater. Der Buchbindermeister hatte seinerzeit »in die Hände gespuckt und reingehauen« bis er vierzig war und sich dann zur Ruhe gesetzt. »Das hatte ich auch vor«, sagt Heldt. Doch es kam anders. Das Rentnerdasein gefiel ihm nicht. »Das war sowas von langweilig!« ­Folgerichtig kaufte er 1997 die Waldgaststätte und ist seither mehr als ausgelastet. »Hier ist dauernd etwas los. Es kommt immer jemand vorbei, ob Lieschen Müller oder der Niedersächsische Ministerpräsident.« Nicht der amtierende zwar, aber immerhin: Christian Wulff war da.

Das Haus hat 200 Quadratmeter Wohnfläche und 800 Quadratmeter Gebäudefläche. Ständig sind Handwerker im Haus, weil etwas repariert oder saniert werden muss. Schließlich ist das Haus nicht mehr das jüngste. Neun Zimmer hat es, von denen nur vier bewohnt sind. Jeder Raum ist zum Teil auch Lagerraum, ob für Bücher oder für Spirituosen. Das Wohnzimmer ist zur Hälfte Arbeitszimmer. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bürogerät und Utensilien jedweder Art. »Das Büro leidet im Sommer«, sagt Thomas Heldt dazu. Die ganzen Papiere, die sich im Sommer aufgetürmt haben, würden dann im Winter, wenn die Saison vorüber sei, abgearbeitet.

Hier wacht Darius

Die andere Hälfte des Wohnzimmers nehmen ein Sofa, ein opulenter Sessel (»Reinicke & Richau, 70er-Jahre, auch historisch«) ein sowie von der Großmutter geerbte Antiquitäten wie die Handnähmaschine von der Wiener Weltausstellung von 1873. »Die näht noch. Ich habe mir mit ihr schon einmal eine Hose gekürzt.« Einige Raritäten hat er aber auch selbst gekauft, zudem viel geschenkt bekommen, auch von Gästen.

Die Gaststätte hat innen zweihundert Plätze, außen fünfhundert, die auf tausend erweitert werden können. Wurden die jemals gebraucht? Mitunter bei gutem Wetter und bei »Kirche im Grünen«. Üppig gedeiht auch das Grün des Kräutergartens neben dem Haus, Rhizinus und Rosen, Katzenminze und Heiligenkraut. Angelegt wurde er von den Frauen des Naturschutzbundes NABU aus Schöppenstedt, die heuer ihr zehnjähriges Bestehen am Tetzelstein feiern können. Wächter für Haus und Grundstück ist Darius, fünfeinhalb Jahre alt, einhundert Kilo schwer und Englische Dogge. »Er macht die Nachtschicht. Man muss ihn gar nicht sehen, schon allein wenn er bellt, laufen die Leute weg.«

Bild ganz oben: Herr Heldt nebst Hund.
 
 
 
 
 
geschrieben von  maru
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