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Invent wächst mit der Raumfahrt Donnerstag, 20 Dezember 2018 10:46 Foto: Jörg Scheibe

Invent wächst mit der Raumfahrt

Für den Sommer nächsten Jahres ist der Start der europäisch-russischen Raumfahrt-Mission eRosita geplant. Dann wird vom Weltraumbahnhof Baikonur eine russische Rakete eine europäische Raumsonde ins All schießen, die mit einem Super-Röntgenteleskop bestückt ist. Damit sollen präziser als jemals zuvor der gesamte Himmel erkundet, neue Galaxien entdeckt und das Geheimnis der dunklen Materie und der schwarzen Löcher erforscht werden. Mit an Bord ist High-Tech aus Braunschweig. Das Unternehmen Invent GmbH, ein Spezialist für Faserverbundwerkstoffe, hat für eRosita eine ultraleichte Struktur für das Teleskop entwickelt und gebaut.



Die Braunschweiger Ingenieure sind in diesem Raumfahrt-Sektor europaweit Spitze. »Wir waren in den vergangenen zehn Jahren an allen wichtigen europäischen Raumfahrtprojekten beteiligt«, erzählt Geschäftsführer Henning Wichmann. Dabei ging es meist um Sandwich-­Panels, Tragwerke oder Reflektor-­Antennen für Satelliten.

Schlüsselprojekt für das Unternehmen war vor einigen Jahren die Mars-Sonde ­ExoMars, das bisher letzte Projekt der kürzlich gestartete Satellit-ADM Aeolus, mit dem die Windverhältnisse über der Erde genauer gemessen und so präzisere Wetter­vorhersagen möglich gemacht ­werden sollen.

Spektakuläre Projekte

Im Jahr 2020 ist der Start der Raumsonde Solar Orbiter vorgesehen, die die Sonnenwinde und damit das Weltraumwetter erforschen soll. Außerdem stehen auf der Referenzliste von Invent spektakuläre Projekte wie BemiColombo (Raumsonde zum Planeten Merkur), Galileo (Satellitennavigation) oder Sentinel (mehrere Satelliten zur Erderkundung).

Die erfolgreiche Beteiligung an all diesen Projekten hat dem Unternehmen einen starken Ruf eingebracht. Neue Aufträge kommen jetzt schneller und einfacher. Zudem bietet Invent sein Know-how für Faserverbundwerkstoffe aus der Raumfahrt inzwischen erfolgreich auch in anderen Branchen wie der Luftfahrtindustrie, der Autobranche sowie dem Maschinen- und Anlagenbau an. Das Geschäft floriert, das Unternehmen ist auf Wachstumskurs.

Florierendes Geschäft

Im Industriegebiet am Braunschweiger Hafen wird derzeit ein Neubau errichtet, der in Nachbarschaft des alten Gebäudes steht. »Damit werden wir unsere Fertigungskapazitäten verdreifachen«, erläutert Wichmann.

Rund 50 Prozent des Geschäfts entfallen auf die Raumfahrt. Meist geht es um Komponenten für einzelne Forschungssatelliten, die einen hohen Aufwand bei Engineering und Fertigung erfordern. Die Anforderungen an dieWerkstoffe sind unter Weltraumbedingungen extrem. Was sich oben bewährt hat, muss folglich auch unten auf der Erde höchste Qualität haben – und ist deshalb für andere Branchen interessant. Wichmann: »Wir bieten unseren Kunden komplette Lösungen für ihre Produkte an, von der ersten Projektidee über Konstruktion und Design bis zum Bau von Prototypen und später der Einzelstück- oder Kleinserienfertigung.« Dafür werden alle gängigen Fertigungsverfahren für die Bearbeitung von Faserverbundwerkstoffen genutzt: vor allem die klassische Wickeltechnik oder der Autoklav-Kessel, in dem unter Hochdruck Fasern und Harz »zusammengebacken« werden. Das Unternehmen hat 15 verschiedene Anlagen und Maschinen für die Fertigung. Die Faser-Rohstoffe kauft Invent vor allem in den USA, in Japan und in Deutschland ein.

Und welche Vorteile haben Hightechprodukte aus Faserverbundwerkstoffen? Sie sind nach Wichmanns Angaben 30 bis 50 Prozent leichter als die Konkurrenz aus Aluminium oder Stahl. Wichmann: »Da sind wir richtig gut. Wir haben alles an ­Gewichtsersparnis herausgekitzelt, was möglich ist.« Die Invent-Produkte seien sehr belastbar und extrem temperaturbeständig, hätten im Weltraum Temperaturunterschiede von bis zu 300 Grad überstanden. Ein weiterer Vorteil: der mechanische Kennwert ist besser als der von anderen Werkstoffen. Bei geringerem Gewicht seien die Werte für Zug, Druck und Biegung besser, so der Geschäftsführer. Der einzige Nachteil: Faserverbundwerkstoffe sind teurer.

Belastbare und ­temperaturbeständige Hightechprodukte

Bei Invent werden vor allem kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe (CFK) verarbeitet. Es wurden auch schon Produkte aus Naturfasern wie Hanf oder Flachs entwickelt, die aber industriell kaum realisiert wurden. Jüngst registriert Wichmann wieder ein wachsendes Interesse an solchen Biopolymeren. Folgerichtig ist das Unternehmen an zwei EU-Entwicklungsprojekten beteiligt.

Forschung in der Open ­Hybrid Lab Factory

Für einige Kunden aus der Luftfahrt fertigt Invent kleine Serien von CFK-Produkten, beispielsweise für den Airbus A350 Bauteile für das Seitenruder oder den Wartungsbereich. Für das deutsche Unternehmen EDM Aerotec werden komplette Kabinen für einen ultra­leichten Hubschrauber gebaut, der weltweit verkauft wird. »Die komplette Kabine wiegt nur acht Kilo«, stellt Wichmann stolz fest. Das ist kaum mehr als ein Trägerpack Bier. Im Industriebereich arbeitet Invent an der neuen Open Hybrid Lab Factory in Wolfsburg mit, an der mit Blick auf die Autobranche der Leichtbau als Kombination von Metallen und Faserverbund erforscht wird.

»Wir setzen auf Wachstum, möchten mit neuen Produkten in neue Märkte gehen und größere Serien fertigen«, erklärt Wichmann, der unter anderem die Raumfahrt-Wachstumsmärkte der Telekommunikationssatelliten und Ariane-­Trägerraketen im Blick hat. Auf diese Weise wolle man zugleich die Umsätze, die durch das Projektgeschäft schwankend sind, stabilisieren und verstetigen. Außerdem habe man technische Innovationen im Industriebereich im Fokus. Dabei geht es vor allem um die Adaptronik, um Systeme aus intelligenten Werkstoffen, die mit Hilfe von Sensoren und Aktoren beispielsweise Lärmschwingungen oder Vibrationen von Maschinen dämpfen oder beseitigen, indem sie mit selbst erzeugten Schwingungen gegensteuern.

Rund 60 Prozent des Umsatzes macht Invent inzwischen im Ausland. Derzeit werden rund 100 Mitarbeiter (einschließlich Auszubildende) beschäftigt, Tendenz steigend. Das Unternehmen ist ein Spin-off aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Es wurde 1996 von drei Ingenieuren gegründet. ­Wichmann ist einer der Gründer und von Anfang an Geschäftsführer. Heute gehört das Unternehmen zwölf Mitarbeitern.

Bild oben: Henning Wichmann ist Gründer und Geschäfts­führer des Braunschweiger High-Tech-Unternehmens Invent.
geschrieben von  sie
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