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Öko-Bausteine aus einer voll ­digitalisierten Fabrik in Wendeburg Montag, 15 Oktober 2018 09:43 Foto: Jörg Scheibe

Öko-Bausteine aus einer voll ­digitalisierten Fabrik in Wendeburg

Ein Öko-Mauerstein für den Wohnungsbau, der in einer digitalisierten Fabrik mit weitgehend automatisierter Fertigung in riesigen Stückzahlen produziert wird – das gibt es im eher ländlich-beschaulichen Wendeburg im Kreis Peine. »Wir gehören zu den größten und modernsten Kalksandsteinwerken in Deutschland«, erzählt Jan Dietrich Radmacher, der zusammen mit seinem Bruder Henning das Familienunternehmen führt. Anderswo wird noch über die digitalisierte Industrie 4.0 diskutiert, die Radmachers setzen sie bereits um.



Und das läuft so: Die Architekten schicken digitalisierte Pläne für ein Haus, die im eigenen Planungsbüro des Unternehmens »elementiert« werden. Die geplanten Wände am Rechner in einzelne Steine, Bauteile oder Stürze geteilt und zerstückelt, ergeben einen kompletten Bausatz, der anschließend nach ebendiesen Vorgaben produziert wird. Alle fertigen Teile landen nummeriert und auf dem großen Lagerplatz rund um die Fabrik zur Zwischenlagerung. Je nach Baufortschritt vor Ort werden die Teile sukzessiv »just-in-time« zur Baustelle geliefert, wo der Maurer sie dann in der entsprechenden Nummernfolge zusammenbaut.

Kombination von Massiv- und Fertigbau

Es ist eine Kombination von Massiv- und Fertigbau, die beiden Seiten Vorteile bringt. »Der Bauunternehmer benötigt weniger Personal, kann den Bau schneller und effizienter hochziehen«, fasst Henning Radmacher zusammen. In der Baubranche wird freilich schon weiter gedacht: Ziel ist ein »Business Information Modeling« (BIM), bei dem in Zukunft für jedes einzelne Bauwerk alle Prozesse von der Ressourcengewinnung bis zum Recycling digital abgebildet werden sollen.

Ausbau und Modernisierung

Vor 55 Jahren hat der Vater Paul Radmacher das Kalksandsteinwerk Wendeburg gegründet und wenig später ein Werk in Uslar (Solling) hinzugekauft. Die beiden Söhne Jan Dietrich und Henning sind seit mehr als zwei Jahrzehnten im Unternehmen, haben es ausgebaut und modernisiert. Allein in den vergangenen vier Jahren sind neun Millionen Euro nur in Maschinen investiert worden – ein ganz schöner ­Brocken für ein mittelständisches Unternehmen. Heute umfasst die Radmacher-Gruppe neben den beiden Werken noch ein Planungsbüro in ­Brandenburg, Kies und Sandgruben am Standort Wendeburg und eine Spedition.

Kalksandstein – ein ökologischer Baustoff

Erfunden wurde der Kalksandstein vor 120 Jahren. Er besteht lediglich aus den Naturstoffen Sand, Kalk und Wasser. Chemische Zusätze? Keine. »Es ist ein ökologischer Baustoff, der zu 100 Prozent recycelt werden kann«, stellt Jan Dietrich Radmacher fest.

Sand sei für die Baubranche inzwischen eine knappe Ressource geworden, man müsse schonend damit umgehen. Allein deshalb führe am Recycling kein Weg vorbei. Im nächsten Jahr soll auf dem großen Firmengelände in Wende­burg eine eigene Wiederverwertungsanlage gebaut werden. Allerdings gestalteten sich die Genehmigungsverfahren für die Erschließung neuer Sandgruben zunehmend schwieriger und aufwendiger, bedauern die Radmacher-Brüder.

Die Vorteile des Baustoffs

Beide Geschäftsführer können eine ganze Reihe weiterer Vorteile aufzählen, die ihr Baustoff hat: er ist stark schalldämmend, statisch hoch belastbar (was schlanke Wände ermöglicht), witterungsbeständig, feuerfest, kann Wärme speichern – im Sommer andererseits vor Hitze schützen. Der einzige Nachteil: er kann nicht dämmen. Dafür braucht es zusätzlich ein Wärme­dämmverbundsystem.

Bei der Produktion werden zunächst Sand, Kalk und Wasser gemischt, dann die Steine in den gewünschten Formaten gepresst und anschließend in großen Kesseln mit Dampfdruck bis zu zehn Stunden gehärtet. Ein Teil der Steine wird anschließend noch in einer vollautomatischen großen Säge nach Rechner-Vorgabe passgenau geschnitten.

Passgenaue Produktion

In den Radmacher-Werken werden Steine und Bau-Elemente in den verschiedensten Größen und Formaten produziert. Absatzrenner sind großformatige Teile, die ein Meter breit, 62,5 Zentimeter hoch und bis zu 36 Zentimeter dick sind. Jan Dietrich Radmacher: »Auf die großen Formate entfällt inzwischen 70 Prozent unseres Absatzes. Sie werden vor allem beim Bau von Mehrfamilienhäusern eingesetzt und sind hier der am meisten genutzte Baustoff.« Der klassische einzelne Mauerstein spiele indes keine große Rolle mehr.

Mit der Entwicklung zufrieden

»Umgerechnet stellen wir in beiden Werken jährlich 100 Millionen Standard-Bausteine her«, berichtet Henning Radmacher. Damit können 5000 Wohnungen gebaut werden. Für den Transport dieser Mengen werden 15 000 Lkw-Ladungen benötigt. »Wir sind mit der geschäftlichen Entwicklung zufrieden«, meint Jan Dietrich Radmacher. Der Wohnungsbau befinde sich – politisch gefördert – endlich wieder im Aufschwung. Von einem Boom will er mit Blick auf die vergangenen zwanzig Jahre trotzdem nicht sprechen. Schließlich ist der Wohnungsbau seit Mitte der 90er Jahre um mehr als die Hälfte geschrumpft. Entsprechend sank die Zahl der Beschäftigten in der Baubranche. »Derzeit wird mehr geplant als gebaut werden kann«, meint Henning Radmacher. Fachkräfte fehlten in nahezu allen Bereichen.

Die Radmacher-Gruppe beschäftigt insgesamt 130 Mitarbeiter. Verkauft werden die Produkte unter der Marke »Der Kalksandstein – KS«, zu der sich 15 mittelständische Unternehmen zusammengeschlossen haben. Sie halten einen Marktanteil von 50 Prozent und behaupten sich, so die Radmachers, erfolgreich gegen die Konkurrenz größerer Konzern-Unternehmen.

Da Kalksandsteine ziemlich schwer und die Transportkosten deshalb recht hoch sind, ist das jeweilige Absatzgebiet praktisch begrenzt. »Wir liefern an Kunden im Umkreis von 120 Kilo­metern«, sagt Jan Dietrich Radmacher. Verkauft wird ausschließlich über den Baustoffhandel, geliefert allerdings meist direkt an die Kunden. Das sind überwiegend mittelständische und familiengeführte Bau-Unternehmen, die die Baubranche noch immer prägen.

Die Doppelspitze

Dennoch kommt es nicht so häufig vor, dass zwei Brüder gemeinsam ein Familien-Unternehmen führen. Funktioniert das gut? ­Bestens – da sind sich beide einig. »Wir kommen hervorragend miteinander aus, haben aber von Anfang an eine klare Aufgabenteilung vorgenommen«, erzählt Jan Dietrich Radmacher. Er macht den Vertrieb und den Personalbereich, der Bruder ist für den Einkauf und fürs Kaufmännische zuständig. »Unter dem Strich ist es wichtig, dass wir dieselbe Einstellung haben, was Unternehmens- und Mitarbeiterführung betrifft«, ergänzt ­Henning Radmacher. Und das sei der Fall.

Bild oben: Die beiden Brüder Henning (links) und Jan Dietrich Radmacher führen gemeinsam das Kalksandsteinwerk Wendeburg.
geschrieben von  sie
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