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»Wir haben tagsüber Porzellan ­verkauft und nachts Bier – ein Job von 18 Stunden« Dienstag, 09 Oktober 2018 08:38 Foto: Stephen Dietl

»Wir haben tagsüber Porzellan ­verkauft und nachts Bier – ein Job von 18 Stunden«

Die Erfolgsgeschichte der Vitrine in Wolfenbüttel beginnt mit dem mutigen Rettungsversuch eines angehenden Bundesbankers, einer Million DM Schulden und dem Vater eines Freundes, der ein Bekleidungsgeschäft mit nächtlichem Kneipenbetrieb kombiniert. Vier Jahrzehnte später hält sich das Fachgeschäft für Porzellan und Haushaltswaren wacker als eines der letzten seiner Art – unternehmerische Wandlungsfähigkeit und kreative Konzepte sei Dank. Doch regionaler Monopolist zu sein, birgt für einen kleinen Einzelhändler nicht nur Vorteile.



»Unter Logenbrüdern hilft man sich«, bringt Uwe Thomas den Gedanken, der zu seiner 40-jährigen Karriere als Einzelhändler führte, nüchtern auf den Punkt. Sein Vater war Oberhaupt der Wolfenbütteler Druidenloge, und als sich dessen Logenbruder hilfesuchend an ihn wandte, zögerte er nicht lange. Der Freund als damaliger Eigentümer der Immobilie betrieb in den heutigen Geschäftsräumen der Vitrine ein Rosenthal-Studio mit integrierter Galerie für Stiche und Gemälde. Philip Rosenthal besaß in Wolfenbüttel seinen Wahlkreis als Bundestagsabgeordneter der SPD.

Der Freund des Vaters von Uwe Thomas steckte in einer aussichtslosen finanziellen Misere und wählte den Freitod. Also lieh ihm sein Logenbruder Geld. Das geliehene Geld von Thomas senior schien verloren, war gebunden in Form von Lagerware, die nun niemand mehr verkaufte. Und die Immobilie stand zur Versteigerung. Also machte er seinem Sohn einen Vorschlag, der die Weichen für dessen ganzes Leben stellen sollte.

Sprung ins kalte Wasser

Das war 1977. Uwe Thomas hatte im Anschluss an sein BWL-Studium ein Volontariat bei der NORD/LB absolviert und vielversprechende Aussichten: eine Anstellung bei der Deutschen Bundesbank. Da wandte sich sein Vater an ihn. Es gebe da diese Immobilie samt schwierig laufendem Porzellangeschäft und vollem Lager, in dem sehr viel seines Geldes stecke. Vielleicht könne man mit etwas Geschick zumindest einen Teil des Kapitals retten: »Schau doch mal, ob du dieses Geschäft wieder auf gesunde Füße stellen kannst. Falls nicht, kannst du immer noch Bänker werden.« Uwe Thomas willigte ein und begann das Experiment mit einem Sprung in das für ihn vollkommen kalte Wasser des Einzelhandels.

Barkeeper statt Bänker

Teures Geschirr, edle Bestecke, seltene Porzellan-Skulpturen kaufen und verkaufen? Für den jungen Uwe Thomas war all dies Neuland und so gar nicht der Lebensunterhalt, den er sich für seine Zukunft vorgestellt hatte. Zugleich war es aber auch eine Herausforderung. Und ihm fiel ein Freund ein, dessen Eltern in Bielefeld eine Bekleidungsboutique und eine Kneipe im selben Haus betrieben. Wie es der Zufall so wollte, befand sich in der erworbenen Immobilie, direkt neben dem Rosenthal-­Studio, ebenfalls eine Kneipe – »Zur Klause«. »Ich habe das Haus übernommen und stürzte mich von heute auf morgen in eine Million DM Schulden«, erinnert sich Uwe Thomas. Nach mehrmonatigen Renovierungsarbeiten war es schließlich so weit: In den Räumen der ehemaligen »Zur Klause« eröffnete er die Gaststätte Contor, und aus dem Rosenthal-Studio wurde die Vitrine.

»Ich hatte keine Ahnung von der Branche«, gesteht Uwe Thomas schmunzelnd. Glücklicherweise erhielt er zeitnah einen Crash-Kurs bei Rosenthal. Dort nahm ihn niemand geringeres als Elsa Fischer-Treyden unter ihre Fittiche. Die berühmte Produktdesignerin mit Werken im New Yorker Museum of Modern Art arbeitete zu dieser Zeit für das Unternehmen und ging mit ihm durch alle Abteilungen.

Einfacher gestaltete sich der Kneipenbetrieb. Als ambitionierter Vereinssportler und Basketballspieler konnte Uwe Thomas allein mit seinem Bekanntenkreis für ausreichend Kundschaft sorgen, auch die Teilnehmer der benachbarten Abendschule waren einem Absacker selten abgeneigt. »Man hat die Tür aufgemacht und die Kneipe war voll«, schwelgt Thomas in Erinnerungen. In seiner Hochphase gingen im Contor monatlich 60 Hektoliter Bier über die Theke. So finanzierte die kleine Kneipe in den ersten Jahren das Porzellangeschäft.

An Ausruhen war dennoch nie zu denken: »Wir haben tagsüber Porzellan verkauft und nachts Bier – ein Job von 18 Stunden.« Bis 1980 betrieb man die Kneipe in Eigenregie, als sich schließlich eine dauerhafte Lösung realisieren ließ, die Uwe Thomas bis heute als sein bestes Geschäft bezeichnet: Eine Braunschweiger Brauerei wurde auf den beträchtlichen Umsatz aufmerksam und pachtete das Contor für einen Zeitraum von 20 Jahren, sodass sich für den Eigentümer die Situation langfristig entspannte.

Weißes Gold

Nun konnte sich Uwe Thomas auf das eigentliche Geschäft, die junge Vitrine konzentrieren. Noch in den 80er Jahren war Porzellan mehr als bloß ein Werkstoff, es galt als »weißes Gold« und wurde nicht nur zu edlem Geschirr und teuren Vasen verarbeitet, sondern war auch Material in der bildenden Kunst: Ein Wand-­Relief von Rosenthal als extravagante Alternative zum klassischen Gemälde, und für limitierte Porzellan-Skulpturen waren Sammler bereit, Unsummen zu zahlen. Die Vitrine war somit auch Kunstgalerie, hatte gut betuchte Kunden aus ganz Europa. Und es wurde noch täglich Gebrauchsporzellan verkauft. »Die Ware wurde vom Güterbahnhof im kompletten Wagen hier hochgeschoben. Darin rund 70 Geschirre, die wir in kurzer Zeit verkauften«, erzählt Thomas. »Aber die Zeiten haben sich geändert.« Den Tisch mit edlem Porzellan zu decken, ist aus der Mode gekommen, stattdessen bestellt man sonntags beim Lieferdienst, und die Familienfeier übernimmt der Catering-Service.

Zwar hält die Vitrine immer noch den ein oder anderen Schatz auf Lager. Neben hochwertigem Porzellan und Bestecken reicht die Bandbreite des Angebots heute jedoch vom Gänsebräter über erzgebirgisches Kunsthandwerk bis zum Manufaktur-Schmuck, und man unterhält Geschäftsbeziehungen zu mehr als 100 Lieferanten, besucht alle wichtigen Messen. »Wir führen Markenartikel für die Bereiche Glas, Porzellan und Geschenke«, erklärt Thomas. »Haushaltswaren spielten in der Anfangszeit in den ersten Jahrzehnten der Vitrine nur eine untergeordnete Rolle. Inzwischen ist es eines unserer Standbeine.« Und darin liegt letztlich das Erfolgsrezept: Immer am Puls der Zeit sein, das Sortiment der Nachfrage anpassen.

Von der Spirituosenfabrik in den Weihnachtsladen

Eine große Rolle spielt dabei Ehefrau ­Christiane. 25 Jahre lang arbeitete sie beim Wolfenbütteler Spirituosenhersteller Jägermeister. Doch während ihres Schwangerschaftsurlaubs erkrankte ihr Mann Uwe schwer, sie musste immer häufiger im Laden aushelfen. Dies veranlasste sie im Jahr 2000, die Weichen neu zu stellen: Christiane ­Thomas stieg aus dem großen Unternehmen aus, um sich vollständig dem Familienbetrieb zu widmen. In diesen Jahren lief auch der Pachtvertrag im Contor aus, anschließende Vermietungen waren nicht von Dauer. Und so dienten die Räumlichkeiten bald zum Auslagern von saisonaler Weihnachtsware aus der Vitrine.

Das brachte Christiane Thomas schließlich auf eine Idee: »Machen wir doch einen Weihnachtsladen daraus!« Also wich die verrauchte Thekeneinrichtung antiken Möbeln und stimmungsvoller Weihnachtsdekoration, statt Bier und Schnaps gab es Glühwein, selbst gebackene Kekse und auch sonst alles, was das Weihnachtsherz höher schlagen lässt: Manufakturware aus Skandinavien, Traditionelles aus dem Erzgebirge, vom Kerzenhalter bis zur Krippe. »Sie bekommen hier nur Weihnachtsartikel, aber eben ganz ausgefallene Sachen.« Das Konzept ist in dieser Form einzigartig. Auch Touristen legen im Winter, nicht zuletzt seinetwegen, einen Zwischenstop in Wolfenbüttel ein. Seit zehn Jahren trägt der Konzeptladen nun schon Früchte, der Umsatz zieht während der Saison gar den des Hauptgeschäfts gleich. »Dann arbeiten wir hier wochenlang im Akkord und kommen wirklich an unsere Grenzen.« Von Oktober bis Januar ist der Weihnachtsladen geöffnet, und im Frühjahr wird er in einen nicht minder erfolgreichen Osterladen verwandelt.

Genuss vermitteln

Ein weiteres Angebot im modernen Portfolio der Vitrine sind kleine Events in Kooperation mit gleichgesinnten Partnern in Wolfen­büttel. Initialzündung war die Entdeckung von Weingläsern der bayerischen Glashütte Eisch, die dank speziellem Herstellungsverfahren den Wein im Glas dekantieren lassen. Der Geschmacksvorteil gegenüber handelsüblichen Gläsern sei enorm, doch welcher Kunde glaube das schon aufs Wort? Man musste also einen Direktvergleich anbieten, und mit Jörn Zeisbrich von Barrique war schnell der ideale Partner gefunden. Was vor einigen Jahren als kleine Weinprobe im Laden begann, ist inzwischen zu einem kompletten Wein-Menü ausgebaut worden. Zwei Mal im Jahr wird das angeboten.

»Wir wollen Genuss vermitteln«, erklärt Uwe Thomas. Und so ist man auch Teil der »GenussmanufakTour«, einem kulinarischen Stadtrundgang. »Da fragten die Teilnehmer zuerst, was unser Laden denn mit Genuss zu tun habe. Hinterher waren sie begeistert.« Die authentische Nähe zum Kunden ist letztlich das, was die Vitrine auszeichnet. »Man bekommt bei uns ein Einkaufserlebnis. Und wir raten auch mal ab, wenn uns ein Produkt nicht überzeugt«, verspricht Christiane Thomas. »Wir leben, was wir verkaufen.«

Doch auf weiter Flur allein erfolgreich zu sein, hat nicht nur Vorteile: »Wir sind quasi Monopolist. Das ist auch nicht gut, da die Leute dann die Erwartung haben, hier alles zu bekommen. Aber wir können kein Laden für alles sein«, schildert Uwe Thomas das zwiespältige Dilemma. »Wir hätten lieber wieder einen gesunden Branchenmix mit ein paar Mitbewerbern.« Familie Thomas und dem Standort Wolfenbüttel sei es gegönnt.
www.vitrine-wf.de

Bild oben: Christiane und Uwe Thomas in ihrer Vitrine.
geschrieben von  die
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