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Tradition trifft auf Innovation: alles zum Heben, Zurren und Sichern Montag, 08 Oktober 2018 11:06 Foto: Janek Wiechers

Tradition trifft auf Innovation: alles zum Heben, Zurren und Sichern

Die Firma Seilflechter-Tauwerk GmbH aus Braunschweig-Bienrode ist einer der ältesten Familien­betriebe im Kammerbezirk der IHK Braunschweig. Mehr als 270 Jahre ist das Unternehmen alt und mittlerweile in neunter Generation ununterbrochen in den Händen der Familie Halle. Die hochspezialisierte Firma ist ein echter Nischenprofi und vertreibt Produkte zum Heben, Zurren, Ziehen und Sichern – unter anderem Taue, Seile und Zubehör für nautische, industrielle und sicherheitsrelevante Anwendungen.

Wechselvolle Geschichte

Die Wurzeln von Seilflechter reichen weit zurück. Bereits 1745 gründete David Halle in Braunschweig eine Seilerei. Damals stellte der Betrieb ausschließlich Taue her. »Anbindestricke und Zugstränge für Pferde, Leinen und Seile für die Landwirtschaft, oder Heurepe für Heuwagen«, erzählt der heutige Senior Wolfgang Halle. Der 85-Jährige kommt als Gesellschafter noch immer täglich in die Firma. Er spricht von einer Unternehmensgeschichte »mit Höhen und Tiefen«. So habe sich die Firma etwa gegen die Inflation der 1920-er Jahre behauptet und die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg überstanden. Die legten sowohl die Büros und Ladengeschäfte der Firma Halle am Braunschweiger Steinweg als auch die Fabrikhallen an der Hamburger Straße in Schutt und Asche. Nach dem Krieg jedoch gelang der Neuanfang gleichsam von Null: Auf dem Anger im Stadtteil Bienrode. Auf dem riesigen Gelände am Ortsrand hat die Firma Seilflechter-Tauwerke GmbH (kurz: Seilflechter) – so heißt das ursprüngliche Unternehmen Halle seit der Nachkriegszeit – auch heute noch ihre Produktionshallen, Lager und Verwaltungsräume. Unweit, in der Altmarkstraße in Bienrode, betreibt Seilflechter zudem ein Ladengeschäft, in dem es vieles aus dem Sortiment direkt zu kaufen gibt.

Hightech made in ­Braunschweig

Mit dem Neuaufbau orientierte sich Halle/Seilflechter neu, zunächst in Richtung Wasser­sport und Schifffahrt. Wobei die damalige Seil- und Leinenproduktion mit der heutigen nicht mehr zu vergleichen sei, wie Wolfgang Halle berichtet. Wurden damals noch Sisal, Hanf und Baumwolle zum Drehen der Taue benutzt, sind die herkömmlichen Materialien inzwischen längst durch robuste und dennoch geschmeidige Kunststoffe ersetzt worden. Diese verleihen den Seilen eine wesentlich größere Zugkraft und Reißfestigkeit und machen sie zudem unempfindlich gegen Seewasser. Etwa 200 verschiedene Fasertypen kauft Seilflechter weltweit ein und veredelt sie in den Produktionshallen in Braunschweig-Bienrode entsprechend der jeweiligen Anwendung. Die Fasern werden gestreckt und zu Seilen, Leinen und Tauen verdreht – bis zu 140 000 Meter täglich. Je nach Bedarf werden zusätzlich verschiedene Beschichtungen aufgebracht, die den Seilen weitere Eigenschaften verleihen, sie zum Beispiel feuerfest oder schwimmfähig machen. Auf diese Weise gibt es für jeden Zweck das entsprechende Seil.

Viele Kunden im ­Wassersport-Geschäft

Der Geschäftsbereich Wassersport ist heute eine der wichtigen Säulen des Familien­betriebs. Derzeit beliefert Seilflechter Fachgeschäfte in 17 Ländern Europas – unter anderem mit Seilen, Tauen, Karabinern und Befestigungszubehör. »Sie finden uns in Istanbul genauso wie in Helsinki«, berichtet ­Wolfgang Halle. Gerade kürzlich erst habe er einen neuen, großen Kunden auf Mallorca gewinnen können, ergänzt Sohn Andreas stolz. Große Baumarktketten (Hagebau, Bauhaus, Obi, Toom) und der maritime Fachhandel – etwa an den deutschen Küsten, in Schweden, Finnland, Estland, Österreich oder der Schweiz – haben Zubehör von Seilflechter im Angebot. Besonders stark vertreten ist das Unternehmen im Geschäftsfeld Nautic seit vielen Jahrzehnten in den Niederlanden.

Partner der heimischen Industrie

Neben der Nautic sind Lösungen für die Industrie ein bedeutendes Standbein des Geschäfts von Seilflechter. »Der Hauptmarkt der Firma ist die heimische Wirtschaft im Industriebereich«, skizziert Andreas Halle, Sohn von Wolfgang und seit 1995 Geschäftsführer. So beliefert das Braunschweiger Familienunternehmen das produzierende Gewerbe, Baufirmen oder Speditionen vor allem im Großraum Braunschweig und Niedersachsen mit Ketten, Tauen und Gurten. »Wir gehen aber auch nach München und Hamburg und anderswo in Deutschland«, so Andreas Halle. Neben vielen kleinen Firmen beziehen Großkunden wie Volkswagen oder Komatsu Produkte von Seilflechter – um etwa schwere Maschinen, Großwerkzeuge oder Fahrzeugteile anzuheben und zu bewegen. Dabei kommen aus dem Portfolio von Seilflechter neben sogenannten Anschlagsketten (das ist das Verbindungsstück zwischen einem Kranhaken und einer gehobenen Last) spezielle Drahtseile oder sogenannte Rundschlingen (hochreißfeste mit Kunststofffasern gefüllte Gewebe­schläuche, mit denen sich tonnenschwere Lasten heben lassen) zum Einsatz. Transportunternehmen ­setzen zudem zum Beispiel Gurte von ­Seilfechter ein, um Ladung zu verzurren.

Ein weiterer, wichtiger und großer Geschäftsbereich ist zudem das umfangreiche Prüfwesen für die Industrie. Als eine Art TÜV bietet das Braunschweiger Unternehmen seinen Kunden den Service an, die gelieferten Seile, Gurte und Ketten regelmäßig auf Risse und Haltbarkeit zu testen und die Ergebnisse zu dokumentieren.

Technische Taue

Tätig ist Seilflechter zudem auf dem Feld des sogenannten »technischen Tauwerks«. Das sind unter anderem schwer entflammbare Seile. In diesem Bereich beliefert das Braunschweiger Unternehmen über spezialisierte Vertriebs­partner Seilzüge für Theater und Opernhäuser. »In über 90 Prozent aller Spielstätten in Europa wird Zugtechnik von uns verwendet«, berichtet Andreas Haller. Außerdem versorgt Seilflechter über ein Netz von Fachhändlern Offroad-Ausrüster mit Draht- oder Textilseilen, die Seilwinden für Jeeps oder Landrover bauen. Seile aus Braunschweig seien zum Beispiel bei Expeditionen in der Sahara im Einsatz, damit festgefahrene Jeeps aus dem Wüstensand gezogen werden können. Außerdem hat Seilflechter spezielle Abschleppsysteme für LKW im Programm. Und: die Firma bietet spezielle Sets für die Höhenrettung von Feuerwehrleuten an.

Erfolg dank Qualität, ­Innovation und regionaler Verwurzelung

Um sich über so viele Jahrzehnte am Markt behaupten zu können, sei die gleichbleibende Qualität immens wichtig. »Ein Kunde, der einmal bei uns gekauft hat, weiß was er gekauft hat und kommt immer wieder. Was uns auszeichnet, ist eine starke Lagerhaltung, fachgerechtes Wissen unseres Außendienstes, schnelle Lieferung und Verfügbarkeit unserer Produkte«, unterstreichen Wolfgang und Andreas Halle. Auch die Flexibilität sei ein weiterer ­wichtiger Aspekt, um marktfähig zu bleiben. Viele Produkte entstehen demnach gemeinsam mit den Kunden. Das über Jahrzehnte gewonnene Knowhow mache ihre Firma zu einem wichtigen Partner, wenn es darum geht, mit Auftraggebern neue Anwendungsbereiche zu erschließen. »Viele Dinge, die wir machen, sind nicht aus dem Katalog, sondern entwickeln sich.« So konnten etwa die Veranstalter von Sprungturnieren mit Produkten von Seilflechter aus Braunschweig das Problem starker Seitenwinde auf Skischanzen in den Griff bekommen. Zur Befestigung spezieller Planen verwenden sie besonders dünne und zugleich hochreißfeste Leinen made in Braunschweig. Die seien inzwischen überall in Europa Standard auf Skisprungschanzen, so die Unternehmer Halle.

Wachstum ja, aber nicht um jeden Preis

Seilflechter stehe dank seiner erfolgreichen Geschäftsfelder auf soliden wirtschaftlichen Beinen. »Wir sind zufrieden«, sagt Andreas Halle lachend, ohne genaue Zahlen zu nennen. Und das Unternehmen möchte weiter wachsen, betont der Geschäftsführer, »gesund und nicht mit Gewalt«. Ein zu schnelles Wachstum, gar ein Umzug an einen anderen Standort, das komme nicht infrage. Als mittelständischer Familien-­Betrieb, sei man seit Generationen eng mit Braunschweig verbunden. Produktion, Lager, Verwaltung und Versand – all das soll demnach auch künftig hier angesiedelt sein. Schließlich habe man eine Verantwortung für die 85 Mitarbeiter und deren Familien, von denen die allermeisten aus Braunschweig stammen. »Wir sind hier am Platze. Und das ist richtig«, sagt Wolfgang Halle.

Deshalb möchte die Traditionsfirma zusätzlich zu den bereits vorhandenen insgesamt elf Gebäuden in Bienrode demnächst eine weitere Halle bauen. Die ist laut Wolfgang und Andreas Halle dringend nötig, um die gestiegene Nachfrage bewältigen zu können. Nach langen sieben Jahren lägen jetzt endlich ein Bebauungsplan und eine Baugenehmigung vor. Somit könnte es eigentlich losgehen mit dem Hallenbau. Doch der verzögert sich aufgrund der starken Bautätigkeit in der Region erst einmal weiter. Baufirmen und Handwerksbetriebe seien derzeit sehr schwer zu bekommen, so die Firmeneigner.

Der Ausbildung verpflichtet

Seilflechter ist traditionell Ausbildungsbetrieb. Junge Menschen können im Unternehmen den eher unbekannten Handwerksberuf des Seilers erlernen. Die Firma arbeitet dabei eng mit der Textilfachschule im oberfränkischen Münchberg zusammen. Wer ausgelernt hat, hat gute Chancen von Seilflechter übernommen zu werden – denn die Firma bildet vor allem für den eigenen Bedarf aus. Wer bei Seilflechter arbeitet, könne ein menschliches Betriebsklima erwarten, betonen Vater und Sohn Halle. Das sei ihnen sehr wichtig. »Der Mitarbeiter ist bei uns keine Kostenstelle.«

Familientradition wird großgeschrieben

Schließlich wollen die Halles die lange Geschichte des Familienunternehmens Seilflechter-Tauwerke GmbH auch in Zukunft fortschreiben. »Unsere Philosophie ist es die, Firma zu erhalten«, sagt Wolfgang Halle, der selbst 55 Jahre lang Geschäftsführer war. Seine Frau hat viele Jahre lang die Buchführung bei Seilflechter gemacht, Sohn Andreas ist seit 23 Jahren Geschäftsführer, Sohn Klaus kümmert sich um die Logistik – und auch der 28-­jährige Enkel Tobias arbeitet im Unternehmen. Dass die Firma stets an jüngere Generationen weitergegeben wird, ist also gute Tradition. Ein Selbstläufer sei das aber nicht, so Andreas Halle: »Man muss das nicht nur wollen, sondern auch können. Nicht nur weil der Name da ist.« In seinem Fall etwa habe sein Vater die Nachfolge langfristig vorbereitet. Bevor er selbst Geschäftsführer wurde, habe er zwischenzeitlich auch woanders gearbeitet und Erfahrungen jenseits des Tellerrandes gemacht. So habe er langsam ins Unternehmen hinein wachsen können. »Mein Herzblut liegt in der Familie und in der Firma.« Andreas Halle wünscht sich, dass der Nachwuchs irgendwann in seine Fußstapfen tritt. »Seilflechter steht für Kontinuität«, sagt er. Und fügt hinzu: »Mein Sohn hat die Möglichkeit, das Unternehmen weiterzuführen, wenn er will und Spaß daran hat. Aber nicht auf Biegen und Brechen.«

Bild ganz oben: Ziehen am selben Strang: Vater und Sohn (v. r. n. l.) Wolfgang und Andreas Halle mit einem Teil ihres Waren­angebots.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
geschrieben von  jw
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