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Aus unserer Region in die ganze Welt Montag, 17 September 2018 09:28 Foto: André Pause

Aus unserer Region in die ganze Welt

Eine riesige Container­brücke, 20 Meter über der Kaimauer. Von oben schweift der Blick über das Gelände, macht dem Betrachter klar, wie groß der Braunschweiger Hafen am Mittelland­kanal wirklich ist. Das Areal umfasst 63 Hektar. Es gibt zwei Hafenbecken, drei große Getreidesilos, mehrere Öltanks, etliche kleine und große Lagerhallen, Berge von Kohle, Schrott und Baustoffen sowie ein ­Containerterminal, auf dem hunderte von ­Container gestapelt sind.

Im Braunschweiger Hafen werden jährlich eine Million Tonnen Güter umgeschlagen. »Wir sind der größte und wichtigste Binnen­hafen in Norddeutschland«, erklärt Jens Hohls, Geschäftsführer der Hafenbetriebsgesellschaft. Und fügt stolz hinzu: »Über unseren Hafen gehen Produkte aus der Region in die ganze Welt, beispielsweise bis nach China. Und es werden Produkte aus vielen Ländern hier angelandet und in der Region verteilt.« Das zeigt auch ein Blick auf bekannte internationale Reederei-Namen, die auf den Containern prangen.

Der große Unbekannte

Der Hafen besteht seit 84 Jahren und gehört der Stadt. Doch viele Braunschweiger kennen ihn kaum oder wissen zumindest wenig über seine wirtschaftliche Bedeutung für die Region. Was wohl daran liegt, dass es im Industriehafen keinen Publikumsverkehr gibt. »Das ist auch gut so. Allerdings kennen uns deshalb viele Menschen, außerhalb der Region ohnehin, vor allem durch die Staumeldungen im Verkehrsfunk. Da ist des Öfteren von der Abfahrt Hafen Braunschweig auf der A 2 die Rede«, gibt Hohls schmunzelnd zu Protokoll.

Knotenpunkt und ­Güterverkehrszentrum

Der Braunschweiger Hafen ist ein Knoten­punkt für die Verkehrsträger Wasser, Schiene und Straße. Die meisten Güter, die hier ­umgeschlagen werden, kommen per Lkw oder werden per Lkw abtransportiert. Insofern herrscht auf dem Gelände ein reger Laster-Verkehr, die Autobahn ist ganz nah. Aber der Hafen hat auch ein Schienennetz von 17 Kilometern.

Es gibt – für einen Hafen eher ungewöhnlich – sogar ein Terminal für den kombinierten Verkehr Schiene-Straße, auf dem Container und Trailer von Lkw auf Zug-Waggons und umgekehrt geladen werden. Dieser Bereich mache etwa 15 Prozent des Gesamtumschlags aus. »Deshalb sind wir eigentlich ein Güterverkehrszentrum«, stellt Hohls fest, der 49 Jahre alt ist und den Hafen seit 13 Jahren leitet.

Täglich werden hier 15 Schiffe abgefertigt. Sie können bis zu 2500 Tonnen transportieren – mehr geht nicht auf dem Mittellandkanal. Das größte Schiff, ein Containerfrachter, pendelt regelmäßig zum Hamburger Hafen. Es ist 100 Meter lang und kann auf einen Schlag 96 Container transportieren. Etwas mehr schaffen Schubverbände, die jeweils aus zwei Leichtern und einem Schubschiff bestehen – hier können 108 Container auf einem Schub bewegt werden.

Breites Warenspektrum

Der Container-Umschlag ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Inzwischen werden jährlich 70 000 Container be- und entladen. Und welche Güter werden in Containern von und nach Braunschweig transportiert? Das Warenspektrum ist breit, weil in ­Containern – so Hohls – so ziemlich alles gepackt werden könne. Das reicht von Textilien der Modekette New Yorker, die in Braunschweig neben der Konzernzentrale auch ihr Zentrallager hat, über Möbel für Ikea bis zu Spirituosen von Jägermeister oder Bier vom Hofbrauhaus Wolters.

»Wir sind ein Hafen für die gesamte Region«, bekräftigt Hohls. Hier wird Kohle für das Heizkraftwerk Mitte in Braunschweig angelandet und zwischengelagert, es wird Heizöl und Diesel an Tankstellen ausgeliefert, Steine und Erden aus Harzer Steinbrüchen auf den Schiffsweg gebracht, Schrott für die Stahlwerke in Peine und Salzgitter umgeschlagen oder Getreide-Ernten aus der Region gelagert und versandt. In den drei großen Getreidesilos, die Agrargenossenschaften gehören, können rund 150 000 Tonnen Getreide gelagert werden. Ein alter Silo, der schon fast ein Wahrzeichen des Hafens war, wurde kürzlich abgerissen.

Im Hinterland des ­Welthafens

Auf den Freiflächen liegen Berge an Schrott, Kohle und Baustoffen wie Kies, Split, Gips oder Asphalt-Fräsgut von Straßen, das zum Recyling bestimmt ist. Für die Umschlags­arbeit gibt es einen beachtlichen Anlagen- und Maschinenpark: Neben zwei großen Con­tainerbrücken und vier Universalkränen, die bis zu drei Tonnen stemmen können, noch einige schwergewichtige Container-Stapler und etliche andere Förderzeuge. Die Lagerhallen gehören teilweise der Hafenbetriebsgesellschaft, meist aber Kunden-Unternehmen. Auf dem Hafengelände arbeiten insgesamt 500 Menschen, die Hafenbetriebsgesellschaft selbst hat nur 40 Mitarbeiter.

Rund 60 Prozent der Umschlagsgüter in Braunschweig kommen (über den Elbe-Seitenkanal) vom und gehen zum Hamburger Hafen. »Wir sind gewissermaßen das Hinter­land des Welthafens Hamburg«, meint Hohls. Über das gut ausgebaute deutsche Binnenschifffahrtsnetz mit Flüssen und Kanälen können Schiffe aus Braunschweig sogar den Hafen von Rotterdam ansteuern.

Investitionen geplant

Auch in den nächsten Jahren soll im Hafen weiter investiert werden. Der Container-Terminal wird erneuert und erweitert. Geplant ist außerdem ein Terminal für den kombinierten Verkehr, der weiter wachsen soll. Seit Kurzem beispielsweise fährt täglich ein Güterzug nach Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei und Standort eines VW-Werks. Teilweise geht es noch weiter bis nach Rumänien. Ausbaufähig ist auch das Geschäft mit Logistik-Dienstleistungen. So biete man den Kunden beispielsweise die Organisation kombinierter Transporte oder die Abwicklung von Zollformalitäten an, berichtet Hohls: »Wir sind kein reiner Umschlagsbetrieb mehr, sondern wir wachsen immer mehr in die Rolle eines Spediteurs hinein.«

Effizienz statt Romantik

Die Binnenschifffahrt habe Zukunft, meint Hohls. Sie sei ein sicherer, zuverlässiger und relativ klimafreundlicher Verkehrsträger. Außerdem gebe es auf den Wasserstraßen kaum Staus und Unfälle. Eine Entlastung des Straßenverkehrs durch Verlagerung von Güterverkehren auf das Wasser ergebe daher Sinn. Hohls macht eine Rechnung auf: Mit den 70 000 Containern, die im Hafen jährlich umgeschlagen werden, werden rund 40 000 Lkw-Fahrten von der Straße verlagert.

Die moderne Binnenschifffahrt sei heute ­effizient organisiert, stellt der Geschäftsführer fest. »Familienschiffe« seien immer weniger unterwegs. Heute dominierten ­Reedereien, bei denen die Schiffskapitäne nur noch angestellt sind. »Mit der alten Schifffahrtsromantik ist es auf jeden Fall vorbei«, sagt Hohls.

Um die Zukunft der Binnenschifffahrt geht es auf einer großen Tagung des Bundesverbandes Öffentlicher Binnenhäfen, die am 11. und 12. September in Braunschweig stattfindet. Schwerpunkt-Thema wird die Digitalisierung der Transport- und Logistikbranche sein. Vertreter aller 120 Binnenhäfen in Deutschand nehmen an der Tagung teil.

Bild ganz oben: Jens Hohls leitet die Braunschweiger Hafen­betriebsgesellschaft.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
geschrieben von  sie
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