Unsere Partner
Die Firmengruppe Erich Friedrich: Neue Ideen für Schlacke aus der Eisen- und Stahlindustrie Mittwoch, 06 Juni 2018 10:33 Foto: André Pause/oh

Die Firmengruppe Erich Friedrich: Neue Ideen für Schlacke aus der Eisen- und Stahlindustrie

Der Markterfolg eines Unternehmens ist von zahlreichen Faktoren abhängig. Die Geschäftsidee und das darauf aufbauende Geschäftsmodell gelten gemeinhin als die Basis allen Handelns. Auf »Bruder Zufall« sollte sich niemand verlassen, auch wenn dieser sich manches Mal eben doch anschickt, die Dinge in Bahnen zu lenken, an die zuvor weiß Gott keiner dachte. Der Erfolg der Salzgitteraner Firmengruppe Erich Friedrich als Dienstleister für Eisen- und Stahlwerke hat viel mit solch einer zufälligen Begebenheit zu tun.

Einem Bekannten des Unternehmensgründers Erich Friedrich fiel bei einem Gang über die Deponie auf dem Betriebsgelände, wo bis heute Schlacken aus den Werken der Eisen- und Stahl­industrie entsorgt werden, ein kleiner Magnet aus der Tasche. »Als mein Vater den aufhob, waren lauter Eisenteilchen dran. Er sagte nur: Das ist ja interessant. Von da an galt das Grund­interesse dem Metall, der Menge Eisen in den Stoffen, die man bergen wollte«, erinnert sich Helmut ­Friedrich, der die Geschäftsführung des Familien­unternehmens nach mehr als 40 Jahren im Juli des vergangenen Jahres an den Niederländer ­Jörgen J. J. Sassen übergeben hat, an die Anfänge.

Gegründet wurde die Gruppe Erich Friedrich 1951. Die ersten Schritte zur Zeit des Wirtschaftswunders beschreibt Friedrich Junior als echtes Abenteuer. Er lächelt und schüttelt ganz leicht den Kopf: »Wir sind eigentlich mit Null Kenntnissen in dieses spezielle Geschäft gestartet. Mein Vater kam zwar aus der Metallbranche, allerdings gab es damals noch keine Aufbereitungstechnik und damit auch kein Unternehmen, wo wir hätten Maß nehmen können. Unser Geschäft hat bis dato einfach niemand gemacht. Da wurde einfach alles weggeschmissen oder mal ein Deich mit der Schlacke gebaut. Das war es dann aber auch.«

Ein echtes Abenteuer

Ein befreundeter Ingenieur habe Erich ­Friedrich zunächst eine kleine Probeanlage mit einer Verarbeitungskapazität von 20 Tonnen pro Stunde gebaut. Vieles, wenn nicht alles, sei »learning by doing« gewesen. »Der Fortschritt wurde nicht selten mit Rückschlägen, mit herben Verlusten erkauft. Mein Vater war zwar ein geschickter Kaufmann und Händler, konnte aber kein Dreieck ausrechnen. Unser Glück war, dass hier immer Ingenieure mit an Bord waren, die Ideen hatten und das Unternehmen technisch mit entwickeln konnten. Sodass wir heute sicherlich der Aufbereiter sind, der in Europa am meisten Expertise und Wissen zum Thema hat«, sagt Friedrich nicht ohne Stolz. Know-how, das dem Unternehmen geholfen habe, nicht nur für eigene Zwecke, sondern weltweit – unter anderem in China, Russland und Indien – Anlagenbau zu betreiben. Von überall her seien damals Leute nach Salzgitter gekommen, um sich ausbilden zu lassen.

Der Weg zum reinen Dienstleister

Diese Sparte Anlagenbau ist mittlerweile Geschichte und EF Friedrich im Hier und Jetzt eigentlich ein reiner Dienstleister. Geschäftsführer Sassen beziffert den Anteil von Dienstleistung und Produktion aktuell auf 80, das Vermarktungsgeschäft auf 20 Prozent. Den Umbruch in die neue Zeit hätte vor allem sein älterer Bruder Richard maßgeblich mitgestaltet, betont Helmut Friedrich. Der habe zwar ebenfalls wenig Ahnung von Technik gehabt, sehr wohl aber die Gabe besessen, bestehende Prozesse durch Hingucken zu erfassen und zu optimieren. »Und zwar soweit, dass Abläufe quasi noch heute darauf basieren. Eine von ihm entwickelte Anlage verarbeitete 1000 Tonnen pro Stunde – ein Quantensprung.«

Aktuell bestehen zwei operative Einheiten als GmbHs: die EF Handel und die EF Hütten­service. »EF Handel umfasst die Tätigkeiten auf den Stahlwerksgeländen und EF Hüttenservice ist zuständig für die Deponie und den Vertrieb der Schlacke. Über diesen Firmen steht die EF Holding, die Bereiche wie die Buchhaltung umfasst«, skizziert Jörgen J. J. Sassen, der das Recyclinggeschäft von der Pike auf gelernt hat. Nach dem Betriebswirtschafts- und Rechts­wissenschaftsstudium war er zunächst drei Jahre im Flüssiggasgeschäft tätig, dann 15 Jahre im Schrottrecycling bei Thyssen Sonnenberg. Gemeinsam mit seinem damaligen Arbeit­geber gründete Sassen ein Recyclingdienstleistungsunternehmen in der Slowakei und in Tschechien, welches der Niederländer später zu 100 Prozent übernommen hat. Durch gemeinsame Projekte in Polen kam schließlich der Kontakt zur Firmen­gruppe Erich Friedrich zustande.

»Als ich von der Situation in Salzgitter hörte, dachte ich gleich: das könnte interessant sein«, sagt der neue Mann an der Spitze. Für Helmut Friedrich ein echter Glücksfall: »Der Gedanke zur Übergabe war bei mir schon länger vorhanden, verstärkt seit zweieinhalb bis drei Jahren, weil ich gesundheitlich überhaupt zum ersten Mal in meinem Leben was an die Mütze bekommen habe, und zwar richtig. Da hat sich der Gedanke heraus­kristallisiert: jetzt muss etwas passieren, denn nach mir kommt in der Familie niemand geeignetes mehr. Ich habe mich also am Markt umgeschaut. Fonds, Heuschrecken oder ähnliches fielen von vornherein aus. Es kam nur jemand infrage, der schon in diesem Geschäft gearbeitet hat, der sofort weiß, wo es hier raucht und qualmt, und diese Menschen sind nicht so zahlreich in Europa.« Vor dem Verkauf der Unternehmensanteile habe man sich trotz allem erst einmal eine Weile beschnuppert. »Es war mir wichtig, dass es in dem familiären Stil, der hier jahrzehntelang gepflegt worden ist, mit einem privat im Risiko stehenden Menschen weitergeht«, so Friedrich.

Der Nachfolger – ein Glücksfall

Sassen, der auf ein eingespieltes Geschäfts­führungsteam bauen kann, sieht sich jedoch auch als Impulsgeber von außen, als etwas abseits stehender Sparringspartner, der sich viel eher traue, Prozesse auch mal kritisch zu hinterfragen.

67 Jahre ist die Erich-Friedrich-Gruppe ununter­brochen für die Hütte Salzgitter tätig, darauf ist man im Unternehmen stolz. Dass es an den vier Standorten – neben dem Flachstahlwerk sind dies die Deponie auf dem Betriebsgelände, das Stahlwerk der Peiner Träger und die Georgsmarienhütte in Osnabrück – noch lange in familiärer Tradition weitergeht, sei auch Sassens Wunsch. An einer Sache aber lässt er ebenso wenig Zweifel: »Wir wollen noch mehr als bisher Innovator werden.«

Erweiterung des ­Know-hows

In erster Linie strebe das Unternehmen eine Erweiterung des Know-hows an. Die über allem stehende Frage laute: Was kann aus Schlacke alles gemacht werden? »Da gibt es wirklich viele Ideen, zum Beispiel Anwendungen im Bereich Beton- oder Zementersatz. Oder als Füllmaterial in der Plastikproduktion. Neue Anwendungen des alten Produktes sind für uns das eine Thema. Das andere sind die Reststoffe in der Hütte, die zur Zeit noch deponiert werden. Die wollen wir durch Bearbeitung noch stärker wieder in den Kreislauf zurückbringen. Dafür haben wir entsprechende Expertise, entwickeln darüber hinaus aber auch neue Verfahren, um das zu erreichen. Wir sehen uns als eine Art Katalysator«, skizziert Sassen.

170 Mitarbeiter sind derzeit im Unternehmen beschäftigt. Personell voranzukommen, so der Geschäftsführer, sei aufgrund des Fachkräftemangels schwieriger denn je. Punkten möchte Erich Friedrich bei geeigneten Job-Interessenten mit KMU-spezifischer Flexibilität sowie kurzen, und daher schnellen, Kommunikations- und Entscheidungswegen. »Wir wollen nach vorne, wollen Dinge in Gang bringen. All das gibt Leuten tolle Möglichkeiten, etwas zu bewegen. Wenn man als junger Mitarbeiter etwas will, kann man hier schnell Sachen machen«, verspricht Sassen.

Zusammenarbeit mit ­Hochschulen

Aktuell arbeite man zusammen mit einem anderen Unternehmen und der Uni Weimar an einem Projekt zur Entwicklung neuer Schlacke-­Applikationen. Weitere Projekte mit anderen Hochschulen sollen folgen, vor allem im Bereich des verstärkten Wiedereinsetzens von Reststoffen im Stahlwerk selbst. Da habe man schon jetzt viele Ideen, um Forschung und Entwicklung voranzutreiben, aber noch nicht die Kapazität. Fachpraktika sowie betreute Bachelor- oder Masterarbeiten anzubieten, sieht Sassen daher als nötigen nächsten Schritt. Die berufliche Ausbildung findet vorwiegend im kaufmännischen Bereich statt, aber auch Mechatroniker oder Industriemechaniker gehen bei Erich Friedrich in die Lehre. Für Bereiche, die das eigene Unternehmen nicht abdeckt, arbeite das Unternehmen mit anderen Firmen zusammen. »Es gibt ja keinen Ausbildungsberuf Schlackenaufbereitung. Wir mussten uns die Leute immer selbst schnitzen«, sagt der Geschäftsführer lakonisch.

Bislang sei dies mit Erfolg geschehen. »Wir sind stabil, das Ergebnis 2017 ist in etwa so ausgefallen wie 2016«, sagt Sassen. Damals standen für die Holding laut Bundesanzeiger 24,7 Millionen Euro Umsatzerlöse zu buche.
 

Bild ganz oben: Staffelstabübergabe geglückt: Im Juli 2017 hat Helmut Friedrich die Geschäftsführung der Firmengruppe Erich Friedrich in die Hände von Jörgen J. J. Sassen gelegt.

geschrieben von  pau
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok