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34. Technologietransferpreis der IHK Montag, 03 Dezember 2018 10:56 Foto: Susanne Hübner

34. Technologietransferpreis der IHK

Ein Meilenstein auf dem Weg zu ­personalisierten Medikamenten

Forschungen in den »Life Sciences« zeichnen sich durch einen klaren Bezug zu Lebewesen, insbesondere zum ­Menschen, aus. Dabei umfasst das Themenspektrum eine Vielzahl verschiedener ­Disziplinen: Biologie, Chemie, ­Medizin und Pharmazie sind nur eine Auswahl. Diese ­interdisziplinäre Ausrichtung ist zwar auch charakteristisch für die sogenannten Biowissenschaften, jedoch leisten selbige in erster Linie Grundlagenforschung. Die »Life Sciences« hingegen werden häufig als anwendungs- und marktorientiert eingestuft. An eben jener Schnittstelle setzt das gemeinsame Projekt »Personalisierte Zellsysteme – die Menschheit im Reagenzglas« des Helmholtz Zentrums für Infektions­forschung (HZI) und der InSCREENeX GmbH aus Braunschweig an. Ergebnisse der Grundlagenforschung wurden für die wirtschaftliche Nutzbarkeit weiterentwickelt und an den Markt gebracht. Dafür erhielt das vierköpfige Forscherteam – bestehend aus Professorin Dr. ­Dagmar Wirth, Leiterin der Arbeitsgruppe »Modellsysteme für Infektion und Immunität« am HZI, sowie Dr. Tobias May, Dr. Roland Schucht und Dr. Tom Wahlicht von InSCREENeX – am 2. November den mit 10 000 Euro dotierten Technologietransferpreis der IHK Braunschweig.

Menschheit im Reagenzglas


Als »Technologiesprung« bezeichnete der Jury-Vorsitzende des Technologietransferpreises Dr. Edgar Lins in seiner Laudatio das Verfahren, welches das Potenzial habe, die Medikamenten­entwicklung zu revolutionieren. Denn aktuell können Pharmaunternehmen dabei kaum die individuellen Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen berücksichtigen. So fallen Wirksamkeit und Verträglichkeit von Person zu Person anders aus.

Personalisierte Medikamente, abgestimmt auf den einzelnen Patienten, sind ein Ziel, das mit den Forschungsergebnissen der Preisträger in greifbare Nähe rückt. Bislang war es kaum möglich, Zellen im Labor zu vermehren, da diese bereits nach wenigen Tagen abgestorben sind. Krebszellen bildeten hiervon eine Ausnahme, jedoch verloren sie ihre typischen Eigenschaften bei der Vermehrung.

Nun ermöglicht es die weltweit einzigartige Technologie, der CI-SCREEN, Zellen aus praktisch jedem Gewebe einfach und verlässlich zu vermehren. Dabei bleiben sowohl die organspezifischen als auch die personenabhängigen Eigenschaften in der Petrischale erhalten.

Die Wissenschaftler fanden für jeden Zelltyp eine bestimmte Kombination an Genen, mit denen sie die Zellen erfolgreich vervielfältigen konnten. »Unser Ziel war eine Methode, mit der sich kostengünstig jede beliebige Zelle – von jedem Patienten und im Zusammenhang mit jeder Krankheit – dauerhaft kultivieren und vermehren lässt, ohne dass sie ihre charakteristischen Eigenschaften einbüßt. Mit der CI-SCREEN-Technologie ist uns das nun gelungen«, sagt Dr. Tobias May, Geschäftsführer von InSCREENeX.


Mit der Technologie lassen sich aus jedem Gewebe Zellsysteme für das Screening und das Testen von Wirkstoffen generieren. Besonders ist, dass auch personalisierte Zellsysteme möglich sind. Werden neue Medikamente in der Petrischale an diesen Zellen getestet, können bereits hier deren Wirksamkeit und Verträglichkeit für die individuelle Person bestimmt und optimiert werden. »So stellen wir der personalisierten Medizin ein völlig neuartiges Werkzeug zur Verfügung«, beschreibt May.

Der nächste Biotech-­Gigant?

Mit einem jährlichen Umsatz von knapp einer Million Euro ist InSCREENeX noch ein Stück weit davon entfernt, dem Pharmamarkt ihren Stempel aufzudrücken, doch die Zukunftsaussichten sind gut. In – für die Pharmaindustrie – kurzer Zeit konnten bereits zwei volumenstarke Aufträge von großen Kunden gewonnen werden. Die Überzeugungsarbeit leistet dabei das Produkt. Die herkömmliche Medikamentenentwicklung dauert acht bis zehn Jahre und kostet mehrere 100 Millionen Euro, wenn sie schnell geht und günstig ist. Häufig geht es bei dem Prozess aber um Milliardenbeträge.

Die Zellsysteme, die das Braunschweiger Unternehmen seinen Kunden anbietet, beschleunigen die Medikamentenentwicklung nicht nur, sie versprechen Kostenersparnisse, die mitunter ebenfalls in die Milliarden gehen können. Allein aus wirtschaftlicher Sicht ist das Interesse aus der Pharmaindustrie groß. Das Wachstums­potenzial für InSCREENeX und seine neun Mitarbeiter ist also noch enorm.

Enge Verbindung von HZI und InSCREENeX

Die Unternehmensgeschichte ist dabei eng mit dem HZI und der Forschungsgruppe von ­Dagmar Wirth verwoben. Bereits 2001 ­begannen Tobias May und Roland Schucht in dieser Gruppe ihre Promotionen. Während Wirth und May anschließend die Basistechnologie zur erfolgreichen Zellvermehrung erforschten, gründete Schucht 2009 die InSCREENeX GmbH. 2011 schloss sich May dem Unternehmen an und es startete die erste Kommerzialisierung der Basistechnologie, welche 2013 mit dem Otto von Guericke-Preis prämiert wurde.

Der entscheidende Schritt für den CI-SCREEN erfolgte 2014 mit dem Beginn der Promotion von Tom Wahlicht bei Dagmar Wirth am HZI. Er entwickelte die vorhandene Basistechnologie weiter, sodass verschiedene menschliche Zellen mitsamt ihrer jeweiligen Eigenschaften in praktisch unbegrenzter Anzahl vermehrt werden können – ein wichtiger erster Schritt hin zur personalisierten Medizin. Zeitgleich mit der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse in der Fachpresse wechselte Wahlicht 2018 ebenfalls zu InSCREENeX. Das große wirtschaftliche Potenzial des Transferobjekts und die sehr enge Kooperation zwischen Forschung und Wissenschaft waren auch ausschlaggebende Punkte dafür, dass die vier Braunschweiger Wissenschaftler den Technologietransferpreis erhielten.

Der Jury-Vorsitzende Lins betonte bei der Preisverleihung im Kongresssaal der IHK, dass in diesem Jahr die Entscheidung äußerst knapp war und erst viele intensive Diskussionen innerhalb der sechsköpfigen Jury die endgültige Entscheidung brachten. Mehrere Projektteams hatten sich um die Auszeichnung beworben, die die IHK bereits seit 1985 jährlich vergibt. Die Auswahl an erstklassigen Transferprojekten sei ein Ausdruck der Forschungsstärke der Region, sagte Lins. Eine ähnliche Richtung schlug auch IHK-Präsident Helmut Streiff ein, als er in seiner Ansprache die herausragende regionale Forschungsinfrastruktur hervorhob und auf die offizielle Statistik der Europäischen Union verwies. Laut dieser wurde im Jahr 2015 im Wirtschaftsraum Braunschweig-Wolfsburg im europäischen Vergleich der größte Anteil des Bruttoinlandsproduktes in die Forschung und Entwicklung investiert. »So machen beispielsweise in der Region Braunschweig Forscherinnen und Forscher mehr als zwei Prozent aller Beschäftigten aus«, führte Streiff aus.

»Auf die Köpfe kommt es an« lautet das Motto des Technologietransferpreises. Mit Verweis auf die Statistik wandelte der IHK-Präsident um: »Auf die hellen Köpfe kommt es an. Und davon haben wir in der Region einige.«
Die Festansprache bei der Feierstunde hielt Dr. Sabine Johannsen, Staatssekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur. Sie erläuterte das Vorhaben der Landesregierung, den Technologietransfer in Niedersachsen zu stärken. Sie sprach dabei davon, diesen als »Third Mission« an den Hochschulen zu etablieren – und zwar nicht nach der Forschung und Lehre, sondern gleichberechtigt daneben.

Für den musikalischen Rahmen sorgte Roberta Schröder mit einer bemerkenswerten Darstellung am Marimbaphon.

Bild oben: Für das Projekt »Die Menschheit im Reagenzglas« erhielten sie den IHK-Technologietransferpreis (v. l.): Dr. Tobias May, Professorin Dr. Dagmar Wirth, Dr. Roland Schucht und Dr. Tom Wahlicht.
geschrieben von  tj
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