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TRAFO Hub GmbH: Arbeiten an der digitalen Transformation in den Wichmannhallen Mittwoch, 26 September 2018 14:28 Foto: André Pause

TRAFO Hub GmbH: Arbeiten an der digitalen Transformation in den Wichmannhallen

Es war Anfang der 90er-Jahre, da wurde die Familie Heß aus Berlin fündig auf der Suche nach einem Zentrallager für das von ihr aktuell in dritter Generation geführte Unternehmen Gebr. Wichmann GmbH. Sie kaufte der BMA das Fabrikgelände des ehemaligen Braunschweiger Maschinenbau-­Unternehmens Selwig & Lange in der Sophienstraße ab. Als der Spezialist für Bürobedarf und Büroausstattung anfing, komplett »stockless« zu wirtschaften, wurden beinahe alle Lager überflüssig. In der Folge fungierte die denkmalgeschützte Wichmannhalle als Verkaufsstätte, dann als Möbelausstellung, schließlich als rege genutztes Veranstaltungszentrum. Nun besinnt man sich zurück auf neue »alte« Tugenden: Gebr. Wichmann will zeigen, was »New Work« heißt und wie es funktionieren kann. Aber nicht in Form einer toten Ausstellung, sondern als ein lebendiger Ort der Begegnung mit Coworking-­Arbeitsplätzen, Büro-, Seminar- und kleinen Veranstaltungsräumen speziell für IT-Experten, ­Designer, Kreativschaffende, Start-ups und etablierte Unternehmen, zur Ideen­generierung und gemeinsamen Gestaltung der digitalen Erneuerung. Die rührige Eigentümerfamilie Heß hat dafür die TRAFO Hub GmbH – hergeleitet vom Begriff Transformation – gegründet.

Im Mittelpunkt des Unterfangens stehe die Veränderung der Arbeitswelt mit all ihren Aspekten. »New Work ist ein Thema, das uns treibt. Das ist gewissermaßen die Klammer. Da spielt die Generation Y mit ihrer Orientierung am Spaß an der Arbeit eine große Rolle. Auch Work-Life-Balance wird immer wichtiger«, skizziert Manfred Heß, der mit seiner Frau Sabine sowie den gemeinsamen Kindern Johanna, Henrik und Julia gleichberechtigt Gesellschafter des TRAFO Hubs ist. Als Geschäftsführer wurde Henrik bestimmt, um das Geschehen vor Ort kümmert sich die studierte Volkswirtin Johanna – im Schulterschluss mit verschiedenen Partnern. Ende Oktober soll es offiziell losgehen.

Wichtige Partner

Mit anderen Impulsgebern im Digitalbereich wie dem Bunker, dem Protohaus, borek.digital oder dem Start-up-Experten Professor Reza ­Asghari habe man schon im Vorfeld Kontakt aufgenommen. Und auch mit ­Thorsten Witt, dem Geschäftsführer vom Haus der Wissenschaft, sitze man beinahe wöchentlich beieinander. »Gerade erstellen wir einen Leistungskatalog, der festhält, was jeder von uns kann, aber auch was jeder von uns nicht kann«, sagt Johanna Heß. Die Stadt Braunschweig fördert die Kooperation zwischen dem neuen TRAFO Hub und dem Haus der Wissenschaft bis Ende 2020 mit bis zu 50 000 Euro im Jahr. Unterstützt durch die Erfahrungen des ­Kooperationspartners in den Bereichen Format­entwicklung und Veranstaltungsorganisation soll der TRAFO zu einem besonderen Treffpunkt werden. Vorgesehen sind unter anderem Workshops und neue Veranstaltungsformate wie Business-Speeddating oder Hackathon.

Ein Anfang. Um die Sache perspektivisch ins Rollen zu bringen, brauche es – neben der Unterstützung durch die städtische Wirtschaftsförderung Braunschweig Zukunft GmbH, den Arbeitgeberverband Region Braunschweig sowie Mitglieder des Gründungsnetzwerks – allerdings zusätzliches Engagement aus der regionalen Wirtschaft, wie Braunschweigs Wirtschaftsdezernent Gerold Leppa jüngst feststellte.

Neues Denken

Die digitale Transformation ist in vollem Gange. Sie betrifft alle Bereiche der Gesellschaft und ebenso alle Wirtschaftsbranchen. Damit stellt sie eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre dar. Mit den alten Erfolgs­rezepten ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen, neues, frisches Denken ist gefragt.

Ein Ziel sei es daher, im TRAFO junge Leute, die viele tolle Ideen aber wenig Geld haben, mit etablierten, gut situierten Playern auf der Suche nach frischen Geistesgaben zusammenzubringen. »Wichtige Voraussetzung ist natürlich, dass auf Augenhöhe kommuniziert werden kann«, betont Manfred Heß. Er glaubt fest daran, dass der sich bietende Rahmen auch für kleine und mittlere Unternehmen sehr interessant sein könne. »KMU werden die Potenziale des technologischen Wandels nähergebracht und im Gegenzug können sie ihre unternehmerische Erfahrung einbringen. Da gibt es viel Spielraum.«

Ein großer Spielraum mit viel Charme

Viel Spielraum steht mit 1200 Hallen-Quadratmetern (ein späterer Umbau wird weitere 300 Quadratmeter bringen) und 10 000 Quadratmetern Gelände auch physisch zur Verfügung. Dabei verströmt der Loft-Charakter des früheren Industriebetriebes einen ganz besonderen Charme. Ein außergewöhnliches Arbeitsumfeld in grüner Umgebung mit direktem Zugang zur Oker. »Die Disruption spiegelt allein schon das Gebäude. Einst ist hier mit Maschinen schweißtreibend gearbeitet worden, jetzt entsteht was völlig anderes«, schwärmt Sabine Heß. »Wer sich die Laufkräne anschaut, kann sich die Historie doch bildhaft vorstellen.«

Mit der Lage im westlichen Ringgebiet unweit des ARTmax und der Hochschule für Bildende Künste sind die Wichmannhallen als Treffpunkt der digitalen Kultur- und Kreativwirtschaft prädestiniert. Die hohe Konzentration von IT-Kompetenz in diesem Bereich soll gebündelt und stärker sichtbar gemacht werden, als Gegengewicht zum technisch dominierten Rebenpark, wünscht sich Manfred Heß: »Wir möchten einen Marktplatz für alles, was aus der HBK-Richtung kommt, zum Beispiel Design Thinking, Human Interfaces und Transformation-Design.«

Potenziale nutzen

Aus diesem Grund verfolgt der TRAFO Hub einen interdisziplinären Ansatz. Manfred Heß verweist auf die Möglichkeiten der Stadt und der Region: »Die Potenziale sind eigentlich unfassbar, wenn man an die Universitäten oder Einrichtungen wie das DLR oder die PTB denkt. In Berlin wird so viel geredet, selbst wenn am Ende nur heiße Luft herauskommt. Nur hier halten alle die ›Klappe‹. Ich glaube aber, das bricht gerade ein Stück weit auf. Wir haben schon gemerkt, dass wir auf einer Welle schwimmen, die gerade erst anfängt und viele bewegt.«

Offenheit für die ­Nutzerperspektive

Die neue Gesellschaft soll als Intermediär zwischen allen Beteiligten stehen. Dem Zufall wird nichts überlassen, die Planungen reichen bis ins kleinste Detail. So wurden die bisherigen Mieter auf dem Gelände gefragt, was sie brauchen. »Wir wollten nichts vorgefertigt hinstellen, sondern die Offenheit halten, alles aus der Nutzerperspektive zu denken«, erklärt Johanna Heß. Danach könne dann die Möblierung oder die sonstige Einrichtung (beispielsweise Telefonkabinen) ausgerichtet werden.

Einer der ersten Wünsche, der an die Eigentümerfamilie herangetragen wurde, betraf die Verpflegung. Gefragt war auf der einen Seite anständiges Essen zu fairen Preisen, auf der anderen Seite Know-how in Bezug auf die Gestaltung von Firmenevents. »Hier kommen Philip Schwalm und Oliver Stiegemeyer von Phils Events ins Spiel. Wir sind in kurzer Zeit fast schon ein Stück symbiotisch zusammengewachsen, weil durch sie ein Feld abgedeckt wird, das wir nicht bespielen könnten«, erzählt Manfred Heß. Dabei sei die Expertise im Bereich Gastronomie und Events nur die halbe Miete, wenn überhaupt. »Uns selbst ist es wichtig, nicht nur als reine Caterer wahrgenommen zu werden. Denn letztlich müssen wir mit unseren Konzepten das neue Denken und Arbeiten ja unterstützen und fördern. So richten wir unser Angebot aus und bekommen dafür viel Zuspruch als Partner im B2B-­Bereich«, sagt ­Stiegemeyer. Unter anderem geschehe das durch ein flexibles und modernes Gatronomiekonzept, welches ein Bistro sowie eine Kaffee-Bar vorsieht.

Synergien nutzen

Nach und nach sollen auf der Spielwiese des TRAFO Synergien entstehen. Manfred Heß ist davon überzeugt, dass das gelingt: »Ganz deutlich wird das bei der Firma Hidden in Braunschweig, die hier auf dem Gelände mit ihren Escape Rooms genau die Zielgruppen ansprechen, die wir brauchen. Andersherum hat denen bislang ein Raum gefehlt, in dem das dort erlebte aufgearbeitet werden kann. Vielleicht in Verbindung mit Teambuildingmaßnahmen oder Coaching.«

Wenn es nach Johanna Heß geht, ist möglichst schnell »Leben in der Bude«. Auch wenn dadurch in der Herbst- und Wintersaison einiges auf die Initiatoren einprasseln werde. Vieles, die Akustik beispielsweise, ließe sich ohnehin erst im Live-Betrieb lösen. »Wir gehen bewusst langsam an die Sache, möchten eine möglichst breite Schicht an Menschen hier haben, müssen gleichzeitig aber auch ein bisschen aufpassen, dass wir das alles unter einen Hut kriegen und steuern können«, betont die Managerin vor Ort, die sich selbst eine »Code-University« für Kinder wünscht.

Die soziale Komponente

An dieser Stelle hakt der Vater ein: Dass junge und alte Leute zusammenkommen können, die soziale Komponente, sei überhaupt »ein wahnsinnig wichtiger Aspekt«. »Wer sagt denn, dass ein Start-up von jungen Leuten sein muss?«, fragt Manfred Heß rhetorisch.

Er selbst, so bekennt der 64-Jährige, habe viel zu spät gemerkt, dass er älter werde. »Viele denken, dass man immer so weitermachen kann, aber das kann man eben nicht. Die Nachfolgeregelung betrifft alle Unternehmer und ich habe ehrlich gesagt lange nicht daran gedacht. Als ich überlegt habe, wie ich überhaupt etwas Attraktives und Zukunftsfestes übergeben kann, war ich richtig happy, dass gerade noch Zeit ist, den Wichmann zu transformieren – nicht nur inhaltlich, sondern auch personell.«

Dass diese Transformation von möglichst vielen kreativen Menschen begleitet wird, das Feedback der Region schnell kommt, wünscht sich die Familie ausdrücklich. Hier werde viel passieren, verspricht Johanna Heß: »Durch die private Initiative sind wir etwas langsamer, dafür aber auch authentischer.«

Testphase bis Februar

Interessierte können ab sofort in den TRAFO kommen. Drei Arten der Mitgliedschaft können individuell an den Bedarf angepasst werden: Full Membership, Light Membership und ein Supporter-Modell. Damit startet die selbstauferlegte halbjährige Testphase. Im Februar soll dann erstmals evaluiert werden. Dass in den ersten zwei Jahren eine schwarze Null unter dem Strich steht, glaubt die Eigentümerfamilie nicht. Das sei allerdings auch gar nicht nötig. »Das Modell nutzt unserem bestehenden Handelsbetrieb Wichmann und es nutzt der Immobilie. Start-ups denken häufig nur an den Exit: schnell Kohle machen und dann weg. Ja, das geht auch. In diesem Fall soll aber auch ein ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltiges Denken entstehen«, sagt Manfred Heß, der in Berlin gerade versucht, gemeinsam mit Greenpeace ein genossenschaftliches Strommodell zu organisieren. Das sei wahnsinnig schwierig. Aber notwendig – wenn man neu denken will.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
geschrieben von  pau
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