Unsere Partner
Sammler sind glückliche Menschen Donnerstag, 30 August 2018 08:46 Foto: oh

Sammler sind glückliche Menschen

Seit 125 Jahren befindet sich die Unternehmensgruppe Richard Borek ununterbrochen in Familien­besitz. 1893 gründete Richard Borek I. – sein Hobby zum Beruf machend – sein Briefmarkengeschäft und legte damit den Grundstein für das heute weltweit größte Fachversandhaus seiner Art. Inzwischen führt Richard Borek IV. die Geschäfte des Spezialisten für Sammelartikel in vierter Generation. Er treibt den Erneuerungsprozess von innen voran, forciert insbesondere das Thema Digitalisierung – im Unternehmen, aber auch von außen wahrnehmbar, durch Veranstaltungen wie einem dreimonatigen Start-up Camp und turnusmäßig stattfindende Start-up-Week­ends. Ziel ist es, neue digitale Produkte zu entwickeln, um damit weltweit neue Kunden für das Sammeln von Briefmarken und Münzen zu begeistern.

»Die Old Economy wird mit ihren Geschäftsmodellen der Vergangenheit in Zukunft nicht mehr erfolgreich sein können. Die Software gewinnt gegenüber der Hardware, dem eigentlichen Produkt, immer mehr an Bedeutung«, sagt Richard Borek IV. Er sieht in der Digitalisierung den Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft. Als altes Unternehmen jung zu bleiben, darum gehe es.

Eigene Wege


Die Fußstapfen seines Vaters, der mit der Einführung moderner Managementmethoden wie Unternehmensplanung, Marketing und Con­trolling in den 1980er Jahren für strukturiertes Wachstum sorgte und unter dessen Führung die Unternehmensgruppe zu einem auf allen Kontinenten der Erde agierenden Unternehmen wuchs, müsse er nicht zwangsläufig ausfüllen. Vielmehr sollten neue und wenn nötig eigene Wege gesucht und gefunden werden.

2005 trat der heutige geschäftsführende Gesellschafter in das Familienunternehmen ein. Kein Selbstläufer, wie er heute sagt. Während des Studiums habe er sich überlegt, ob die Nachfolge etwas für ihn sei, ob er das machen wolle. Er wollte – unter einer Bedingung. »Wenn man einmal hier ist, ist man natürlich verwurzelt. Daher habe ich mir gesagt: Wenn das so ist, möchte ich vorher nochmal die Welt kennenlernen. Erfahrungen sammeln, die man später nicht mehr sammeln kann.«

Direkt nach seinem Studienabschluss hat Richard Borek IV. zunächst in einer Online-Firma gearbeitet, sich Know-how angeeignet, welches ihm bereits in seiner ersten Position im Unternehmen als Marketing-Chef zugute kommen sollte. Heute ist das umso mehr der Fall, macht der Onlineanteil in manchen Bereichen der Unternehmensgruppe Richard Borek doch bereits deutlich mehr als 50 Prozent aus – bei weiterhin steigender Tendenz.

Über die Digitalisierung reden


Deshalb versucht der geschäftsführende Gesellschafter die Sinne für Digitalthemen zu schärfen, bei sich wie bei anderen. Seinen Vater Richard Borek III. hat er dabei an seiner Seite. Der Senior war sogar der erste, der bei Aufkeimen der Debatte zur Digitalisierung gesagt hat, dass die bis dato in diesem Zusammenhang initiierten unternehmerischen Bemühungen seiner Ansicht nach keinesfalls ausreichen. »Dann haben wir angefangen zu reden, darüber, was wir unter dem Schlagwort verstehen. Meinem Vater muss ich an dieser Stelle das Kompliment machen, nicht auf dem Bildungsstand von vor fünf, zehn oder 15 Jahren stehengeblieben zu sein«, betont Borek junior, der vor drei Jahren über das Buch »Silicon Valley« von Christoph Keese gestolpert ist. Das hat er begeistert an seine Mitarbeiter verschenkt und zu Rückspracherunden eingeladen. Mehr als 30 Mitarbeiter meldeten sich für mehrstündige Workshops. Ein deutlich sichtbares Zeichen der Bereitschaft für eine neue Unternehmenskultur.

Veränderung des Unternehmerbildes


Die Veränderung erfaßt dann auch wirklich alle. Warum? »Weil auf komplexe Fragestellungen ein Einzelner keine Antwort finden kann. Es sind heterogene Teams, die Hypothesen verproben. Unternehmertum bedeutet heute vor allem, dass wir dem Menschen ein Gefühl dafür geben, wo wir hin wollen. Das ist wichtiger denn je.« Früher sei es salopp gesagt egal gewesen, wohin die Reise ging, solange man eingestempelt war. Heute seien Stempel aber nicht mehr wichtig, sondern die Visionen: »Damit sich freie Radikale im Unternehmen auf dieses Ziel einschießen können. Das bedarf einer anderen Art der Zusammenarbeit, und die führen wir gerade ein«, skizziert Richard Borek IV. Dabei entwickelten sich die Führungskräfte immer mehr zu Trainern. Es gehe darum, wie beim Fußball, das Maximale aus einer Mannschaft herausholen. »Und das funktioniert eben nicht nur mit Expertenwissen, das im eCommerce ohnehin nur eine Halbwertszeit von sechs Monaten hat, das gelingt mit guten Fragestellungen, mit Kommunikation und Coaching.«

Die neuen Mitarbeiter

Das Unternehmerbild habe sich dramatisch verändert, das sieht auch Richard Borek III. so. Sein Vater, sagt der Senior, habe beispielsweise noch streng hierarchisch geführt, sich nur sehr eingeschränkt um Arbeitnehmerbelange gekümmert. »Bei mir war das schon etwas gemäßigter, aber auch mit Struktur, ein Organigramm mit dem Chef oben, Meetings, Protokolle. Ich habe die Mitarbeiter schon wesentlich stärker mit einbezogen, gelernt auch von unten nach oben zu denken und, sehr wichtig: Verantwortung abgegeben.« Bei der nächsten Generation erlebe er die Organisation viel diffuser, weniger klar, weil es schlicht mehr Projektarbeit gebe, die Verantwortlichkeit öfter wechsele. »Es wird sich heute auch mehr geduzt. Mein Sohn duzt sich mit den Mitgeschäftsführern und sie duzen ihn«, sagt Richard Borek III. Ihm hätte da der Abstand gefehlt. Allerdings, stellt er lächelnd fest und relativiert, sei er auch der Letzte, der noch einen Schlips trägt. »Ich glaube, dass die Zeit das erfordert. Das iPhone hat den Menschen auf eine Ebene des Selbstverständnisses gehoben, die man respektieren muss. Jeder Mitarbeiter hat heute eins. Jeder kann pivat mit jedem international kommunizieren, und das erwartet er hier im Unternehmen auch«, skizziert der Seniorchef, »außerdem will er beachtet und gewürdigt werden und nicht nur zur Befehlsausgabe kommen.«

Das Verständnis zwischen den Generationen

Hätten die jetzt aktiven Unternehmerpersönlichkeiten – der produktorientierte Senior und der prozessorientierte Junior – eigentlich gerne mal für einen kurzen Zeitraum miteinander tauschen wollen? Die Antwort kommt eher zögerlich. Zumindest Richard Borek IV. bejaht, schließlich seien die 1970er-Jahre eine Zeit gewesen, in der es nur aufwärts gegangen sei. Er sagt aber auch frank und frei: »Mit dem Gründer, meinem Urgroßvater, der mangels Finanzpolster schlaflose Nächte hatte und trotzdem sagte ›ich mache das jetzt‹, der 1893 am Ladentisch angefangen hat, mit dem würde ich nicht tauschen wollen. Er hat im festen Glauben an das Produkt aus dem Nichts etwas aufgebaut und das ist schon eine ganz andere Nummer. Ich bin kein Gründer, ich bin Unternehmer.« Einer mit mehr als einer Million aktiver Kunden.

Ja. Und trotzdem gehöre für den jetzigen Mann an der Unternehmensspitze eine Portion Demut zum Geschäft. »Wenn Hochmut aufgeht, geht Glück unter«, sagt er bestimmt, und das klingt glaubwürdig. Rückblickend hätte er auch gerne länger mit seinem Vater zusammengearbeitet, denn obschon sie sehr unterschiedlich seien, verständen und ergänzten sie sich sehr gut. »Bei der Übergabe war es mir wichtig, das Gemeinsame zu sehen, Dankbarkeit zu entwickeln und einander Vertrauen zu schenken. Wir haben eine Dialogbasis gefunden – auf beiden Seiten. Denn natürlich ist das Alte nicht per se schlecht und das Neue nicht per se richtig und gut.«

Indirekte Unternehmensübergabe

Die Übergabe. Richard Borek III. verbucht es als erheblichen Vorteil, dass der innerfamiliäre Generationswechsel nicht direkt stattgefunden hat. »Wir hatten in 2001 90 Prozent des Unternehmens, den Münzbereich, mit einem internationalen Unternehmen fusioniert. Von da an war ich nicht mehr Geschäftsführer des Unternehmens, sondern lediglich als Gesellschafter im Board. Fremde Geschäftsführer gab es aber schon vorher, weil die Firma so groß war. Richard trat 2005 mit 27 Jahren ins Unternehmen ein. Als wir 2008 wieder ein Unter­nehmen waren, das nur der Familie gehörte, weil die Fusion nicht hielt, bin ich nicht zurückgekehrt in die Geschäftsführung, sondern war nur im Beirat. Ich denke, dass uns dieser Umstand geholfen hat«, rekapituliert der Senior, der heute Gesellschafter und Beiratsmitglied ist. Gewissermaßen dauere der Übergabeprozess somit noch an. Was, wie er nicht ohne Stolz zu Protokoll gibt, der guten Gesundheit geschuldet sei, und dass er trotz seiner 75 Jahre noch etwas weitergeben könne.

Sein unternehmerisches Erbe hat Richard Borek III. unterdessen so geregelt, dass keine familiären Konflikte auftreten können. Autark von Richard Borek IV., der als geschäftsführende Gesellschafter die Geschicke der Unternehmensgruppe Richard Borek lenkt, führen dessen Bruder Christoph (Borek Immobilien) und Schwester Eva Albert (ECB Beteiligungen) ihre Unternehmen. »Drei Kinder, drei Firmen. Das funktioniert natürlich nur, wenn alle Firmen Gewinne abwerfen«, erklärt der Senior. Unter diesen Vorzeichen sei es dann letztlich auch egal, wer das traditionsreiche Versandgeschäft leitet, findet Borek IV., der mittlerweile selbst drei Kinder hat: »Wenn sich allerdings nur jemand des Namens wegen da hinsetzt, keine Lust und kein Interesse hat, dann wäre das doch sehr schade – für beide Seiten.«

borek.digital

Die vierte Generation hat Interesse! »Wenn ich mein Wissen, meine Dynamik, meinen Hunger auf Neues auf andere übertragen kann, ist das phantastisch«, sagt Richard Borek IV. Dabei fühle er sich, wie seine Vorgänger und die gesamte Unternehmensgruppe, dem Standort Braunschweig verbunden. Das Engagement ist vielfältig – und zeitgemäßer als je zuvor: Gemeinsam mit der TU Braunschweig beispielsweise wurde das Start-up-Camp ins Leben gerufen. »Hier wollen wir jungen Unternehmern über einen Zeitraum von drei Monten durch gezieltes Coaching zu einer schnelleren Geschäftsentwicklung verhelfen. Eine Besonderheit bei uns: die Start-ups geben keine Gesellschaftsanteile ab«, sagt Richard Borek Junior, der gemeinsam mit Professor Dr. Reza Asghari Motor des Projekts ist. Gemeinsam mit Google habe man zudem damit begonnen, regelmäßig Start-up-Weekends in Braunschweig zu veranstalten. »Wir wollen die jungen Informatiker, die die Hochschulen der Region verlassen und gute Ideen haben, in der Region halten. Zu tun gibt es hier genug. Sie müssen nicht nach Hamburg, Berlin, Frankfurt oder München abwandern. Die traditionellen Unternehmen werden den digitalen Wandel kaum aus sich selbst heraus schaffen können. Sie brauchen Kontakt zu den jungen, innovativen Gründern und Start-ups.«

Aus dieser Erkenntnis heraus habe man borek.digital ins Leben gerufen. Dort werden alle digitalen Aktivitäten der Unternehmensgruppe Richard Borek gebündelt.

Die Menschen glücklich machen

In welche Richtung sich das Unternehmen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entwickelt, war nie schwieriger vorauszusehen. Schließlich werden die Zyklen in der digitalen Welt stetig kürzer. Die zweite wichtige Frage wäre: Wird auf ewig so fleißig weitergesammelt? Richard Borek IV. bleibt da relativ gelassen, sogar optimistisch: »Natürlich muss man sich immer mit dem Ende beschäftigen und sich fragen: wann passiert das? Ich dachte auch immer, dass junge Menschen keine so hohe Affinität mehr zum Thema Sammeln haben. Jetzt aber hat ein Geschäftspartner in England Marvel-Comic-Münzen im Programm. Es ist unglaublich, wie viele er davon verkauft.«

Entscheidend sei, das richtige Produkt zur jeweiligen Zielgruppe zu bringen. Wenn das gelänge, sei das Medium Edelmetall in unserer schnell­lebigen Zeit immer noch etwas Besonderes. Am Ende gehe es eher um über die eigene Zeit hinausgehende Erinnerungen als um Werte.

Richard Borek III. nickt zustimmend und lächelt: »Sammler sind glückliche Menschen, das sagte schon Goethe, und das bleibt auch so. Die Deutschen wollen sortieren und komplettieren. Auf dem hiesigen Markt werden Sammlungen also weiter zu verkaufen sein. Und wenn die beiden Märkte Briefmarken und Münzen einmal nicht mehr gehen sollten? Dann verkaufen wir etwas anderes. Das Wichtigste ist, die Menschen glücklich zu machen.«

Bild oben: Richard Borek III. und Richard Borek IV.
geschrieben von  pau
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok