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­Gründergeist entsteht in der Gesellschaft nicht im Coworking-Space Donnerstag, 01 November 2018 08:17 Foto: Jörg Scheibe

­Gründergeist entsteht in der Gesellschaft nicht im Coworking-Space

In den letzten 15 Jahren konnten wir beobachten, wie eine Vielzahl von spannenden Maßnahmen zur Gründerförderung initiiert wurden. Teils kommunal initiiert, teils mit hohem Marketing­budget versehen, meistens sehr ambitioniert. Mir fehlt in dieser sehr operativen Herangehensweise der Förderung von Existenzgründung jedoch häufig die Betrachtung der Gesellschaft als Einflussfaktor auf das Gründerklima. Gründergeist entsteht ja meist nicht in einem Förderprogramm sondern in der zeitlichen Abfolge viel früher. Was sind die gesellschaftlichen und persönlichen Impulse zu einer Gründung? Oft ist es ein unternehmerischer Hintergrund in der eigenen Familie, eine Ausgründung, oder ein Zusammenkommen mit zwei, drei Gleichgesinnten. Leider ist es nur sehr selten eine bahn­brechende Produktinnovation.

Nun stellt sich doch die Frage: Wie fördert und motiviert man in dieser ganz frühen entscheidenden Phase? Bei der Produktinnovation sind das richtige Gründungsumfeld und der Zugang zum Kapitalmarkt sicherlich Schlüsselfaktoren. Im viel zitierten Silicon Valley kann man beobachten, dass genau diese Faktoren vorhanden sind. Dort kommt hinzu, dass viele gründungserfahrene Manager mit Methoden zur Komplexitätsreduktion das Tempo erhöhen. Aber genau diese eingeschränkte Sicht auf die USA ist doch das Problem: In Deutschland wird oft nur gegründet, wenn alle Sterne günstig stehen – wenn ein »Einhorn« möglich ist, wenn ein Produkt so innovativ ist, dass es allen Widerständen trotzt. Aber wie selten ist dieses der Fall! Wie viele der 3,5 Millionen Unternehmen in Deutschland sind wohl solch eine Wundergründung? Wahrscheinlich die wenigsten. Der 1&1-Gründer Ralph Dommermuth hat 2017 im »Spiegel« gesagt: »Ich hatte auch keine große, völlig neue Idee. Ich habe weder die Glasfaser noch die E-Mail erfunden.« Seine United Internet AG erzielt über 4 Milliarden Euro Umsatz. Wir lernen daraus: Gründer sind nicht zwangsläufig produktfokussierte Erfinder, sondern oft kundenorientierte und hartnäckige Entrepreneure.

Und genau hier muss doch Gründerförderung ansetzen: Ein hervorragendes Restaurant gründen und – wenn gewünscht – zur Kette weiterentwickeln. Seine Passion zu einem Unternehmen machen. Das ist doch die Essenz am Gründen: einen Markt erahnen, etwas besser als der Wettbewerb zu machen, ein schmales Produkt platzieren, ein erstes zaghaftes Investieren, Marktfeedback verarbeiten und danach mutiger handeln.

Viele potenzielle Gründer gehen in einer frühen Entscheidungsphase verloren. Beantworten die Umsetzung ihrer Geschäftsidee negativ mit einer gesellschaftlich gelernten Sicherheitsargumentation. Um hier einzuwirken, benötigen wir nicht mehr Anreizprogramme, sondern eine positive Veränderung des Gründerbildes in der Gesellschaft.

Um die Bedeutung der gesellschaftlichen Akzeptanz darzustellen, sei mir eine kleine persönliche Anekdote gestattet. Auf der Hochzeit eines Freundes beim üblichen Smalltalk fragte mich eine junge Dame aus der regionalen Automobilindustrie nach meinem Beruf. Auf meine kurze Antwort entgegnete sie: »Oh du Armer. Das muss ja schlimm sein, als Selbstständiger. Aber vielleicht kannst du ja irgendwann bei uns reinrutschen.« Traurigerweise zeigt diese Anekdote sehr anschaulich die gesellschaftlichen Auswirkungen auf ein Gründerklima. Es gibt noch viel zu tun.

Sie können Tim Aster auch eine E-Mail schreiben: t.aster@talk-digital.de

Bild oben: Tim Aster, Gründer aus Leidenschaft. In der Region kennt man den Diplom-Wirtschafts­informatiker als Dozent der Welfenakademie und als Co-Gründer der Agenturen Löwenstark und Neo.Says.Miau. sowie weiteren digital-­fokussierten Start-ups.

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