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Fokus Chefbüro: Esther Kappe Donnerstag, 05 April 2018 09:07 Foto: André Pause

Fokus Chefbüro: Esther Kappe

Es gibt Büros, die die gut besonnte Position der in ihnen agierenden Führungskräfte bis auf die letzte Nachkommastelle dokumentieren. ZeitRaum-Geschäftsführerin Esther Kappe legt auf Prunk und Protz eher weniger Wert. Um genau zu sein: gar keinen. Ihr Coworking-Space in der Wilhelmstraße ist einfach aber funktional eingerichtet, das Interieur stammt zu großen Teilen vom schwedischen Unternehmen mit den Eintracht-Braunschweig-Farben. Nur die Sitzsack- und Sofa-Inseln sowie der Küchenbereich tragen die individuelle Handschrift der Chefin.

Dass es zwar äußerst familiär zugeht, das Büro Gemütlichkeit verströmt, andererseits aber auch nicht so heimelig ausstaffiert ist, dass es vom Arbeiten ablenkt, ist Intention. Dabei brät sich Esther Kappe an ihrem Arbeitsplatz keine Extrawurst, sieht sich weitestgehend als Teil der Community, die an Ort und Stelle Job und Netzwerkerei verbindet. Und sie ist glücklich, dass sie in Braunschweig als Coworking-­Pionierin den Schritt in Richtung Unternehmertum gewagt hat. Das
war im September 2014.

Gemeinschaft statt ­Homeoffice

Die Idee kam ihr eine ganze Zeit früher: »Ich wollte einfach nicht alleine zuhause im Homeoffice sitzen. Das hat mich total genervt. Als ich in Berlin durch Zufall in ein anderes Coworking-Space kam, dachte ich: das ist ja super, warum gibt es denn so was bei uns nicht? Diesen Gedanken habe ich eine Weile mit mir herumgetragen und dann beschlossen, dass ich das selber mache.«

Eigentlich ist Kappe Journalistin. Volontiert hat sie beim Sender Sat1 in Berlin, war danach auch im Hörfunk tätig. Heute arbeitet sie immer noch als Redakteurin, wenn auch eher für Werbeagenturen im PR-Bereich, erstellt Texte für Flyer, Broschüren oder Internetseiten. Sieht sie sich nach rund zweieinhalb Jahren mittlerweile eher als Herbergsmama oder immer noch zuvörderst als kreative Schreiberin? »Der Coworking-Space ist für mich nicht unbedingt ein Ganztagsjob. Deshalb arbeite ich auch weiterhin gelegentlich als Texterin. Ich bin auch deshalb unheimlich gerne hier, weil ich es mag, beides miteinander zu verbinden und eine familiäre Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Leute gerne vernetzen«, sagt die 47-Jährige. Jeder Coworker profitiere vom Know-how der anderen. »Da gibt es immer wieder Inspiration. Wenn ich beispielsweise an meiner Webseite herumbastele, frage ich natürlich auch mal in die Runde, schließlich sitzen hier genug IT-ler.«

Gute Entwicklung

Zu Beginn habe das alles selbstverständlich ein bisschen anders ausgesehen. »Als ich angefangen habe, wusste ich nicht so genau, wo die Reise hingeht. Es hält ja nicht plötzlich der Bus mit Leuten vor der Tür, die alle sagen, wir wollen hier arbeiten. In den ersten drei Monaten habe ich gesagt: Hm, mal gucken. Da war eben noch nichts Beständiges und das macht einen dann schon unsicher«, erzählt Esther Kappe. Damals habe sie ihr Konzept zugegebenermaßen hin und wieder hinterfragt, sich überlegt, ob Einzelbüros nicht auch dazugehören. Mit der Zeit allerdings habe sich alles wie von selbst geregelt, »ohne groß Werbung zu machen, allein durch Mund-zu-Mund-Propaganda«. Seit einer ganzen Zeit ist der ZeitRaum mit 15 langfristigen Mietern und vereinzelten Tagesgästen komplett ausgebucht. Inzwischen gebe es sogar einen kleinen Stau auf der Warteliste, auch der Konferenzraum laufe super. »Ich kann da überhaupt nicht klagen«, sagt Kappe.

Blicke über den Tellerrand

Eine Expansion an Ort und Stelle oder anderen Standorten wäre sicherlich möglich, meint die Geschäftsführerin – aber nicht in ihrem Sinne. Sie mag es so familiär, wie es zur Zeit ist. Und sie genießt die Freiheit, sich am Nachmittag zurückziehen, sich um Haus und Kinder kümmern zu können.

Oder, um Fernstudiengänge zu belegen. Auch das Zeitfenster im Coworking-Space hat Kappe zuletzt dafür verwendet. Jetzt ist sie zertifizierte Tierpsychologin. Auslöser sei die Anschaffung ihres Hundes Pluto gewesen. »Der ist aus dem Tierschutz, extrem ängstlich. Ich wollte immer wissen, was in solch einem Tier vorgeht. Jetzt habe ich mir die Unterlagen für den Studiengang Psychologie bestellt und will mich mal am Menschen probieren«, sagt sie lachend.

Das ruft Ulf Hartmann auf den Plan. »Könnt ihr bitte leiser sprechen«, sagt der Musiker feixend im vorbeigehen. Er gibt im Raum nebenan Gitarrenunterricht und ist im Gemeinschaftsbüro so etwas wie Hausmeister und gute Seele in Personalunion. Auch wenn sein Einwurf scherzhaft gemeint war, bringt es das Gespräch mit der Geschäftsführerin doch zu der Frage: Ist die Konzentration auch bei voller Besetzung des Büros gewährleistet? Esther Kappe nickt: »Erstaunlicherweise ist es leiser, je mehr Leute da sind, weil die Leute dann offenbar noch mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Wenn wir hier zu dritt sitzen, quatschen wir schon mal quer durch den Raum. Wenn man sich wirklich komplett rausziehen möchte, muss man sich vielleicht einen Kopfhörer aufsetzen. Eine weitere Möglichkeit ist der Rückzug in den Konferenzraum, wenn er frei ist. Das klappt sehr gut.«

Neue Mitbewerber

Seit einiger Zeit spielen auch andere Unternehmen mit dem Gedanken, einen Coworking-Space zu eröffnen oder befinden sich sogar schon in der Umsetzung. Für die ZeitRaum-Chefin kein triftiger Grund zur Sorge, auch wenn sie im ersten Moment schon gezuckt habe: »Große Firmen verfügen natürlich über sehr viel Geld und können damit etwas ganz Schickes auf die Beine stellen, mit Rundumversorgung, mit eigener Kantine und Designermöbeln. Das habe ich hier nicht. Allerdings glaube ich, dass die Leute, die hier sind, es auch genauso mögen, wie es ist. Deshalb habe ich jetzt keine Angst, beobachte die Lage aber dennoch mit Interesse.«

Coworking ist wie eine ­Stamm­kneipe

Am Ende, meint Esther Kappe, gälten für Coworking-Spaces wohl die gleichen Maßstäbe wie für eine Stammkneipe. Eine nette Umgebung und eine freundliche Ansprache seien für sie die wesentlichen Bausteine. Einfach nur den Raum zur Verfügung stellen, ohne Seele? Das funktioniere ihrer Meinung nach nicht: »Ich freue mich früh am Morgen immer darauf, Menschen zu sehen und denke, dass es unter anderem gerade deshalb so gut läuft, weil ich den Leuten auch mal Mutti-mäßig den Tee hinstelle und somit für Geborgenheit sorge. Ich selbst setze mich auch an jeden anderen Tisch hier im Raum oder aufs Sofa, wenn es nötig ist. Der Schreibtisch selbst ist nicht wichtig für mich. Der Hund muss drunter liegen, das ist wichtig.«

geschrieben von  pau
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