Unsere Partner
Gründen fernab der Großstadt Donnerstag, 27 September 2018 10:26 Foto: André Pause

Gründen fernab der Großstadt

Es solle ein Exempel statuiert werden, da sind sich die Initiatoren des Seesener Entrepreneurship-­Programms einig. Damit es etwas wird, mit dem Erwecken des Gründergeistes in der 20 000-­Einwohner-Stadt am Harz, hat deren Bürgermeister Erik Homann unlängst den umtrie­bigen Experten Professor Dr. Reza Asghari ins Boot geholt. Innerhalb von drei Jahren soll ein »Start-up-­Ökosystem« aufgebaut werden, das sowohl die Gründerkultur an sich als auch ein Netzwerk aus Mentoren, Investoren, Politik und Verwaltung umfasst.

»Die Analyse ist gemacht, das Konzept steht: Jetzt wollen wir dazu beitragen, dass in Seesen junge Unternehmen entstehen, zeigen, dass Start-ups nicht nur in Großstädten funktionieren, sondern auch im eher ländlichen Raum«, skizziert Professor Asghari, Inhaber der Professur für Entrepreneurship an der TU Braunschweig und Ostfalia Hochschule.

Erste Schritte

Bereits im Frühjahr trafen auf Einladung der Stadt Seesen und des Lehrstuhls für Entrepreneurship der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel rund 25 Unternehmer, Banker, Wirtschaftsförderer und andere interessierte Gäste im Jacobson-Haus zusammen, um über erste Schritte zur nachhaltigen Steigerung der Gründungsintensität in der Stadt Seesen zu beraten. Dabei wurden die Teilnehmer gebeten, Ideen zur Steigerung der Gründungsintensität beizusteuern und anzudeuten, welchen Beitrag zu diesem auf drei Jahre angelegten Projekt sie sich vorstellen können.

Aus den Vorschlägen der Stakeholder, so Asghari, seien bereits konkrete Maßnahmen entstanden: Ein App-Boot-Camp für Schüler der gymnasialen Oberstufe wurde durchgeführt, ein Inkubator ist geplant, ebenso ein Unter­nehmertag. »Alles in allem ist das ein dickes Brett, was wir hier bohren, da machen wir uns nichts vor. Wir gehen nicht naiv an die Sache heran, weil die Ausgangssituation bei uns schon eine andere ist als in größeren Städten«, sagt Bürgermeister Homann. Es gebe keine Uni­versität direkt vor Ort, und natürlich auch nicht die Dichte an jungen Menschen. Immerhin: die Verbindungen zu den Hochschulen in der Region seien da, auch wenn sie derzeit noch nicht konkret genutzt würden.

Vergangenheit und Zukunft

Lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt? »Auf jeden Fall. Meine Aufgabe als Bürgermeister einer kleinen Stadt in einer strukturschwachen Region ist es, darüber nachzudenken, wie wir die Wirtschaft nicht nur am Laufen halten, sondern auch, was wir tun können, um Arbeitsplätze in unserer Region zu schaffen. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder uns gelingt es, Unternehmen nach Seesen zu locken, was sich naturgemäß schwierig gestaltet, weil wir nicht im Speckgürtel einer großen Stadt liegen oder wir verfolgen die Idee, Gründungen zu unterstützen«, erklärt Homann, der darauf verweist, das Seesen in der Vergangenheit »als kleines Industriestädtchen durch bekannte Unternehmensgründungen großgeworden ist«.

Zu nennen ist in diesem historischen Kontext das Werk der seit 1967 existierenden und von 1999 bis 2012 zum Heinz-Konzern gehörenden Marke Sonnen Bassermann. Die maschinelle Produktion von Konserven erfolgte hier von 1892 bis zur Stilllegung im Mai 2014. Seit August 2015 hat das zum Gewerbepark Niedersachsen umgewandelte Heinz-Gelände einen neuen Träger. Zudem fertigt die Crown Nahrungsmitteldosen Deutschland GmbH ein paar Meter weiter auf dem Gelände der früheren Blechwarenfabrik Fritz Züchner Metalldosen als Lebensmittelverpackung. Und auch der Klavierbauer Heinrich Steinweg baute seine Instrumente, bevor er im Jahre 1850 nach New York City emigrierte, in Seesen.

Alleinstellungsmerkmale betonen

Um für den in die Zukunft weisenden Gründer-­Standort zu werben, sollen dessen Allein­stellungsmerkmale stärker hervorgehoben werden. Das ist in diesem Fall vor allem die hervorragende logistische Ausgangslage: direkt an der A 7 und geografisch beinahe in der Landesmitte gelegen, sind viele Ziele in Deutschland schnell erreichbar.

Ein weiteres Plus: die kurzen Wege im übertragenen Sinne. »Die Hierarchien sind flach. Wenn ich etwas erreichen möchte oder eine Information brauche, ist die Stadtverwaltung nicht weit. Es ist viel leichter, an Entscheider heranzutreten und last but not least ist Sichtbarkeit leichter herzustellen als in einer Großstadt, was freilich auch daran liegt, dass das Projekt medial omnipräsent begleitet wird«, betont Angelika Lucht von der Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung.

Dass die beteiligten Akteure konzentriert und vor allem eng zusammenarbeiten, um aus den begrenzten Mitteln ein Maximum herauszuholen, mahnt unterdessen Professor Asghari an: »Ich glaube dass die systemische Vorgehensweise unheimlich wichtig ist. Eine Kleinstadt hat halt viel weniger Ressourcen. In Braunschweig mag einiges per Zufall laufen. In Seesen eher nicht.« Deshalb bestehe der größte Vorteil darin, dass die Wirtschaftsförderung alles bestens vernetzt hat. »Wir haben gelernt, dass Start-ups nicht voran­kommen, wenn der Mittelstand nicht eingebunden wird. Das muss gekoppelt werden, um Synergien zu generieren. In Braunschweig erleben wir, dass der Mittelstand sich zunehmend öffnet. Die Familie Borek ist ein gutes Beispiel, die Familie Heß ein anderes. Es gibt aber auch in Seesen einen kleinen Lokalpatriotismus, der dokumentiert: die Leute wollen ihre Stadt voranbringen«, so Asghari, der an seinem Lehrstuhl die Besonderheiten des ländlichen Raumes in Bezug auf Start-ups mittels Bachelor- und Master­arbeiten erforschen lässt.

Geht es nach Bürgermeister Erik Homann, dann sind die ersten Erfolge des Seesener Entrepreneurship-Programms bald erkennbar. Im kommenden Jahr, so hofft er. Ein Antrag auf Förderung an das Land Niedersachsen sei ebenfalls in Vorbereitung. »Was die Genehmigung anbelangt, bin ich recht optimistisch. Die Landesregierung hat schließlich betont, dass gleichwertige Lebensverhältnisse im ländlichen und großstädtischen Raum ein wichtiges Thema sind – und Start-ups und Digitalisierung sowieso.«

 

Bild ganz oben:
Angelika Lucht (Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung Seesen), Erik Homann (Bürgermeister der Stadt Seesen) und Professor Dr. Reza Asghari (Inhaber der Professur für Entrepreneurship an der TU Braunschweig und Ostfalia Hochschule, v. l.).

geschrieben von  pau
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok