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Aus Müll Mode machen Donnerstag, 06 September 2018 09:14 Foto: André Pause

Aus Müll Mode machen

»Sport treiben. Meere retten.« Unter diesem Motto ­designen und verkaufen Alina Hische und Johannes Skowron mit Re-Athlete nachhaltige Sportbekleidung aus alten Fischernetzen. Ihre fair und ökologisch produzierte Mode kommt zur richtigen Zeit, schließlich steigt die Nachfrage nach Eco-Fashion stetig. Trotzdem hatte das Start-up auch mit Rückschlägen und Fehlern zu kämpfen – doch der Idealismus der jungen Gründer ist bis heute ungebrochen.

Es war im Sommerurlaub 2016, auf der sonnenverwöhnten Insel Madeira, als der Plan zu Re-Athlete geboren wurde, berichtet Johannes Skowron. Gemeinsam mit seiner Freundin Alina Hische dachte der junge Mann, der damals Sportmanagement an der Ostfalia in Salzgitter studierte, über die Gründung eines Unternehmens nach. »Ich wollte mich schon lange selbstständig machen, aber es fehlte noch die Idee«, so der 24-Jährige. In den Medien tauchten immer wieder Berichte über riesige Müllteppiche auf den Ozeanen auf. Ein Thema, das Skowron nicht losließ. Eines Tages stieß er auf die sogenannten »Geisternetze«. Dabei handelt es sich um alte Fischernetze, die beim industriellen Fischfang verloren gehen oder einfach im Meer entsorgt werden, wo sie jedoch Fische und andere Meereslebewesen gefährden. Es begann in ihm zu rattern und dann war sie da, die Idee: Warum nicht aus geborgenen und wiederaufbereiteten Nylon-Fischernetzen Bekleidung herstellen, zum Beispiel Sports Wear?

Doch wo anfangen? Das Wissen über den Recycling-Prozess war tatsächlich nur einen Klick auf Google entfernt. Alina brachte das Talent und Leidenschaft für das Nähen mit. Die Idee schien realisierbar. Zurück in Deutschland machten sich die beiden voller Enthusiasmus ans Werk.

Crowdfunding: aus Fehlern gelernt

Nun galt es, gute und zuverlässige Partner zu finden, etwa den Hersteller des Garns, das Econyl® heißt und neben den recycelten Polyamiden (78 Prozent) zu 22 Prozent aus Elasthan besteht. Fündig wurden die beiden in Italien bei dem Unternehmen Aquafil. Auch die Suche nach geeigneten Produktionsstätten gestaltete sich äußerst schwierig, schließlich sollte möglichst regional und fair produziert werden. Heute fertigen die Lebenshilfe Lüneburg-Harburg und drei weitere Nähereien in Norddeutschland die Kleidung für Re-Athlete. »Nachhaltigkeit und ›Made in Germany‹ sind unsere Alleinstellungsmerkmale. Uns ist grundsätzlich wichtig, dass wir nur in Deutschland herstellen«, betont Skowron, der darauf verweist, dass dies nur noch für sehr wenige Sportartikelhersteller gelte.

Eine Unternehmensgründung kostet Geld. Als »Digital Natives« dachten Hische und Skowron sofort an Crowdfunding. Doch das Ergebnis war niederschmetternd. Die Wahl der falschen Online-Plattform, ungeeignete Produkte als Zugpferde, zu spätes Trommeln in den Sozialen Medien – »wir haben viele Fehler gemacht«, räumt Skowron im Nachhinein ein. Statt der erhofften fünfstelligen Summe kamen nur etwa 1500 Euro zusammen. »Trotzdem hat uns die Crowdfunding-Sache gutgetan, weil wir aus unseren Fehlern gelernt haben. Und in der Start-up-Szene musst du rechtzeitig aus deinen Fehlern lernen, um zu überleben.«

Sortiment wächst, Umsätze steigen

Von der enttäuschenden Crowdfunding-­Ausbeute ließ sich das Gründerpaar nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Im Herbst 2017 ging schließlich der jüngst noch einmal runderneuerte Online-Shop an den Start, die Umsätze werden seitdem Monat für Monat größer. Das Sortiment an Sportbekleidung, designt von Hische, ist mittlerweile von acht auf beinahe 30 Artikel angewachsen – vom T-Shirt oder Basketball-Shorts bis hin zum beliebten Longsleeve-Hoody. Die Schallmauer von 5000 verkauften Artikeln soll bald durchbrochen werden. »Derzeit können wir noch nicht von Re-Athlete leben, weil wir alles reinvestieren«, erklärt Skowron, der wie seine Lebens- und Business-Gefährtin nebenbei ein Fernstudium absolviert. »Aber wenn es so weitergeht wie bisher, wird das in Zukunft der Fall sein.«

Die Kunden jedenfalls seien hochzufrieden. »Vom Stoff sind die meisten absolut begeistert«, so Skowron, der von bislang gerade mal zwei oder drei Retouren berichtet – für Online-Versender ein sensationell niedriger Wert. Warum dann eigentlich noch das Ladengeschäft in der Ferdinandstraße, das die beiden im März dieses Jahres eröffneten? »Jeder anständige Manager hätte uns den Hals umgedreht, wenn er unsere Finanzen gesehen und dann gehört hätte, dass wir den Laden aufmachen«, sagt Skowron. Doch der Gründer, der für sein Studium aus Stade in die Löwenstadt kam, liefert gute Argumente für den scheinbaren Anachronismus: »Wir leben zwar vom Online-Geschäft. Aber der Laden ist eine Art Showroom, in dem wir den Leuten zeigen und erzählen, was wir machen, und Personalisierungen an den Kleidungsstücken vornehmen.« Und wer möchte seine potenziellen Kunden schon gern in sein Wohnzimmer einladen, wenn diese mal den nicht ganz alltäglichen Stoff fühlen oder sich über dessen Herstellung informieren wollen?

Davon abgesehen sucht Re-Athlete derzeit nach einem Reseller in der Braunschweiger Innenstadt, um auch im stationären Sportgeschäft präsent zu sein. »Das ist aber nicht so einfach, weil wir nicht die Gewinnmarge haben, die in der Textilbranche eigentlich üblich ist.«

Aber zurück zum Stoff. Das Econyl®-Garn ist blickdicht, äußerst elastisch und sehr weich. Ganz so, wie es von Re-Athlete beworben wird.

Auch optisch kommen die Artikel ansprechend daher, so dass Hische und Skowron wenig Mühe haben, Sportler zu finden, die ihre Marke und den damit verbundenen Nachhaltigkeitsgedanken als Testimonials unterstützen wollen. Ganz neu im »Team Re-Athlete«, wie die beiden Jung­unternehmer ihren Repräsentanten-Pool nennen, ist etwa der Bundesliga-Basketballer Dennis Nawrocki von den Braunschweiger Löwen.

Das Marketing: ­Testimonials und Mund­propaganda

Und das Team soll größer werden, ebenso wie die Marke. »Der Online-Shop hat uns einen festen Kundenstamm gebracht, der organisch gewachsen ist«, berichtet Skowron. Viel Geld für Werbung, etwa in den bei der Kundengewinnung ansonsten unverzichtbaren Sozialen Medien, hätte man nicht ausgegeben – Mundpropaganda ist das Stichwort. Unterstützung kam außerdem früh von Braunschweiger Unternehmen, die größere Posten bestellten, beispielsweise für den Betriebssport oder den alljährlichen Firmenlauf. Das ist gelebte Nachhaltigkeit in kurzen Ärmeln, getreu dem Motto: »Sport treiben. Meere retten.«

Bitte beachten Sie hierzu auch den Artikel »Es ist Bewegung im Gründungsgeschehen« von Dr. Marc Evers, Leiter des Referats Mittelstand, Existenzgründung, Unternehmensnachfolge, DIHK-Berlin.

 
 
 
 
 
 
geschrieben von  cm
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