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Der Wegbereiter-Weg: Die Ausbildung als Alternative zum Studium Dienstag, 15 Mai 2018 09:10 Foto: André Pause

Der Wegbereiter-Weg: Die Ausbildung als Alternative zum Studium

Es gibt viele Gründe, weshalb ein Studium für junge Menschen trotz bester Ausgangsvoraus­setzungen zum Irrweg werden kann: private Probleme, Finanzierungsschwierigkeiten, fehlende Motivation, Leistungsdruck, ein zu starkes Abweichen der eigenen Vorstellung von der realen Hochschulwelt oder auch ein grundlegendes Unbehagen, was die Konzeption des Studiengangs anbelangt. Wer an den Hochschulen des Kammerbezirks Braunschweig eingeschrieben ist und Zweifel hegt, kann sich an die Ansprechpartner des Projekts »Wegbereiter – Perspektiven trotz Studienabbruch« wenden. Felix Leudts hat das getan. Der 26-Jährige hat ein BWL-Studium in Münster und ein Physikstudium in Braunschweig aufgegeben. Jetzt absolviert er bei der Agimus GmbH eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung – und ist begeistert.



Dabei sei die Entscheidung zum endgültigen Drop-out schon eine verdammt schwere gewesen, gibt Leudts, dessen Geschwister ebenfalls studieren, zu: »Irgendwann musste ich mir aber eingestehen: Jetzt hat auch der dritte oder vierte Versuch, das Studium vernünftig zu Ende zu bringen, nicht zum Erfolg geführt. Vielleicht sollte ich diese Pläne begraben und mal mit meinen Eltern reden.« Die Idee, sich an das Wegbereiter-Projekt zu wenden, hatte er da schon im Hinterkopf. Mitte des vergangenen Jahres war das. Aufmerksam geworden ist er auf das an der TU Braunschweig, der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, der Ostfalia Hochschule sowie der TU Clausthal angebotene Projekt, das derzeit (gesichert bis Juli, eine Verstetigung des Projekts ist geplant) noch im Rahmen der Förder­richtlinie »Öffnung von Hochschulen« durch ESF- und Landesmittel gefördert wird, durch einen Flyer. Den habe er sich direkt ab­foto­grafiert, um schnellstmöglich zu handeln.

Vom Erstkontakt zum ­Ausbildungsvertrag

Danach ging alles ziemlich schnell. Dem Kontakt mit den Wegbereitern folgte zunächst obligatorisch die Vermittlung zur Arbeitsagentur. »Dann habe ich angefangen, mich zu bewerben und kurze Zeit später bekam ich eine Mail, in der mir mitgeteilt wurde, dass es ab Oktober die Chance gibt, bei ­Agimus anzufangen. Ich könne doch mal den Geschäfts­führer Dr. Ralf Utermöhlen kontaktieren.« Aus diesem ersten Kontakt wurde Anfang November ein Vorstellungsgespräch und Anfang Dezember ein Praktikum. Dabei hinterließ der Kölner einen so guten Eindruck, dass er noch vor Weihnachten seinen Ausbildungsvertrag in der Tasche hatte. Lange überlegen musste er nicht, um das Angebot anzunehmen: »Ich war gleich sehr angetan von dem Betriebsbereich, der mir hier angeboten wurde. Vom Unternehmen an und für sich ohnehin. Was ich auf der Internetseite recherchiert habe, fand ich toll. Und Herr ­Utermöhlen hat sich wirklich sehr für mich eingesetzt, hat auch dafür geworben, dass wir das schnell in die entsprechenden Bahnen lenken und die entsprechenden Hebel in Bewegung gesetzt. Letztlich war die Kommunikation von den Wegbereiter-Beteiligten sowie von Firmenseite wirklich ansprechend.«

Motivationsschub durch Ausbildung

Kein Bereuen, also? »Nein. Gut, ich hätte eigentlich längst ›Halt‹ sagen müssen«, gesteht Leudts selbstkritisch. Zehn Semester hat er sozusagen völlig ergebnisoffen studiert, ohne zielführende Aktionen, ohne Klausuren zu schreiben. Es habe die Motivation gefehlt, definitiv auch Struktur und das sehr persön­liche Gefühl, »dass man vermisst wird, wenn man nicht hingeht«. An das Studium sei er nicht zuletzt deshalb immer ganz anders heran­gegangen, als an die Arbeit oder auch die Berufsschule zum jetzigen Zeitpunkt.

Mit dieser neuen Perspektive kam bei Felix Leudts auch die Freude am Lernen zurück, die, wie er betont, bevor es ans Studieren ging, immer da war. »Ich habe nun wieder wahnsinnigen Spaß daran, zu lernen. Ich merke auch, wie gut mir die Anwendungsentwicklung liegt«, schwärmt der neue Agimus-Azubi. »Das ist zum Teil sehr knifflig, oft etwas zum Tüfteln.« Letzteres habe ihm eigentlich immer großen Spaß bereitet. Auch deshalb war er sich nach dem Abitur sicher, dass ein Studium das Richtige für ihn wäre. Eine wirtschaftliche Zusatzausbildung bei der IHK in Köln und Berührungspunkte mit dem Fach Wirtschaft während eines Auslandsjahres in England halfen bei der Entscheidung für das Erststudium zusätzlich. »Die Physik war dann die zweite Option, da ich auch natur­wissenschaftlich sehr interessiert bin. Außerdem hatte ich das Fach auch als Leistungskurs belegt.«
Selbstbewusst in die Zukunft

Beide Optionen sind nun abgehakt. In der Ausbildung bei Agimus kann Leudts das Stillen seines Wissensdurstes wieder voll auskosten. Er fühlt sich für das, was er tut, wertgeschätzt. Das tue ihm gut und stärke das Selbstbewusstsein. Dass er nun auf eigenen Beinen steht, empfinde er ebenfalls als äußerst positiv: »Es ist schon ein anderes Gefühl, dass man nun selbst verantwortlich ist, mit festem Gehalt, unabhängig von den Eltern. Das führt zu besserem Lebens­gefühl, was ich auf jeden Fall genieße.«

Hilfe für das Unternehmen

Für die Agimus GmbH, die im Bereich der Umwelt- und Arbeitssicherheitsberatung für Industrie und Gewerbe tätig ist, ist der neue Auszubildende quasi wie ein Sechser im Lotto. Kai-Uwe Hecht, der sich im Unternehmen auch um den Bereich Ausbildungsorganisation kümmert, freut sich: »Fakt ist, dass wir seit Jahren keine Braunschweiger Firma finden, die uns im Bereich Anwendungsentwicklung unterstützt. Wir bedienen natürlich ein sehr breites Spektrum, weshalb immer gleich zwei oder drei Leute involviert sein müssten. Uns war deshalb schon längere Zeit klar, dass wir um einen Auszubildenden, der nach unseren Anforderungen ausgebildet wird, nicht umhinkommen. Jetzt können wir einen Haken hinter die Sache machen.«

Ergebnisoffene Beratung

Dass der von Felix Leudts eingeschlagene Weg nicht der einzige ist, darauf legen die Verantwortlichen des Wegbereiter-Projekts großen Wert. Die Beratung erfolgt jeweils ergebnis­offen. So verbleiben einige Ratsuchende erfolgreich im Studium, andere wiederum wechseln den Studiengang, starten direkt in den Beruf, beginnen eine duale Ausbildung oder machen sich in der Region selbstständig.

Ansprech­partnerin: Sabrina Koltermann, sabrina.koltermann@braunschweig.ihk.de, Tel.: 0531 4715-265

Bild oben: Felix Leudts hat bei der Agimus GmbH eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung begonnen.
geschrieben von  pau