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Was wir von Juwelier Westphal und Melanie Mothes-Rump lernen können Montag, 10 Dezember 2018 09:36 Foto: Stephen Dietl

Was wir von Juwelier Westphal und Melanie Mothes-Rump lernen können

Es war das Jahr der Erfindung des Dieselmotors und des Reißverschlusses: Als Otto Westphal 1893 in Peine das Geschäft des Uhrmachers Christian Rademann übernahm, hatte Deutschland noch einen Kaiser und die Mitteleuropäische Zeit war erst wenige Wochen zuvor eingeführt worden. 125 Jahre und drei Deutschlands später fahren Autos elektrisch, man blickt für die Uhrzeit aufs Smartphone und einen Kaiser gibt es nicht mal mehr im Fußball – doch am beschaulichen Peiner Markt verkauft Juwelier Westphal immer noch erfolgreich Uhren und Schmuck.



»Ich bin in dieses Geschäft hineingeboren«, erzählt Melanie Mothes-Rump, Geschäftsführerin in dritter Generation, und erinnert sich lächelnd: »Ich habe schon als Kleinkind mit meinem Laufstall zwischen Schmuck und Silberbesteck gestanden, später als Jugendliche in der Werkstatt gebastelt und Uhren auseinandergenommen.« Ihr beruflicher Werdegang war für sie daher schon früh sehr klar, der kindlichen Begeisterung folgte ein duales Studium der Betriebswirtschaftslehre mit kaufmännischer Ausbildung, um fachkundig ins Familienunternehmen einsteigen zu können.

Die Faszination für natürliche Materialien und technische Ästhetik liegt offensichtlich im Blut: Bereits ihr Großvater Harry Mothes stammte aus einer alteingesessenen Uhrmacher-Familie im Erzgebirge, betrieb gemeinsam mit seiner Frau Marga ein kleines Geschäft für Uhren und Schmuck im Raum Oldenburg. Auf der Suche nach unternehmerischer Vergrößerung erfuhren sie Anfang der 1960er Jahre durch einen befreundeten Handelsvertreter, dass in Peine ein gut laufendes Geschäft zur Übernahme bereitstehe: Juwelier Westphal. Der Kontakt wurde hergestellt, man war sich sofort sympathisch. Kurze Zeit später wurde der Vertrag unterzeichnet.

Das Mehrgenerationenhaus

Seit 1893 schon betrieb Otto Westphal sein Juweliergeschäft in Peine. Auch er stammte aus einer traditionsreichen Uhrmacher-Familie, auch er hatte den Betrieb von einem etablierten Vorgänger – Uhrmacher Rademann – übernommen. Und nach Westphals Tod im Jahr 1921 führte sein Sohn Otto Westphal junior zusammen mit Ehefrau Emmi die Geschäfte ebenso erfolgreich weiter. Dennoch sollte die Familien-Ära mit ihnen enden: Ihr einziger Sohn fiel – kurz zuvor ebenfalls zum Uhrmacher ausgebildet – im Zweiten Weltkrieg. Und so standen sie Ende der 50er Jahre vor der schweren Entscheidung: Das Unternehmen mit ihnen sterben lassen oder es vertrauensvoll in kompetente aber gänzlich fremde Hände geben? Sie entschieden sich für Letzteres und schufen damit die Grundlage für weitere 60 Jahre Juwelier Westphal in Peine.

Der Übernahmeprozess gestaltete sich überraschend einfach, denn mit Harry und Marga Mothes waren selbst Profis am Werk. Sie fühlten sich schnell heimisch, arbeiteten zuerst noch unter Anleitung der Westphals, bis diese sich schließlich altersbedingt komplett zurückzogen und im Januar 1964 die Übergabe des Geschäfts erfolgte. Schon damals mit dabei: ihr 13-jähriger Sohn Volkmar, für den bereits von Kindesbeinen an klar war, dass auch er das filigrane Handwerk lernen und den Betrieb weiterführen würde. Es folgte eine Ausbildung an der Staatlichen Uhrmacherschule in Hamburg. 1975 machte er seinen Meister und übernahm einige Jahre später schließlich den elterlichen Betrieb. Die Geschäfte liefen gut, und so konnte man es sich 1979 leisten, ins historische und deutlich geräumigere Spinzig-Haus gegenüber umzuziehen, wo man bis heute residiert.

Markt und Moral

Und auch heute noch ist Volkmar Mothes Geschäftsführer des Juweliers Westphal; seit 2011 gemeinsam mit seiner Tochter Melanie Mothes-Rump, die inzwischen das Tagesgeschäft betreibt. Und das hat sich über die Jahrzehnte stark gewandelt: Unterhielt man bis in die 70er Jahre noch eine eigene Goldschmiede, ist der Schmuck- und Trauring-Handel für einen Allrounder trotz anhaltender Verkäufe derweil nur noch in Kooperation mit externen Werkstätten lukrativ. Inzwischen reicht das Angebot von Gold- und Silberschmuck sowie klassische Uhren über Trauringe, Trendschmuck und individuell angefertigte Stücke bis hin zu Smart-Watches. Dreizehn Mitarbeiter inklusive zweier Uhrmacher leistet sich der Ausbildungsbetrieb Westphal immer noch. Denn fachmännischer Service sei es, womit man im Internet-Zeitalter als lokaler Einzelhändler nach wie vor bestehen könne.

Natürlich würde sich auch Melanie Mothes-Rump über eine familiäre Fortführung des Betriebes in der kommenden Generation freuen. Doch in die Tatsache, dass ihr jugendlicher Nachwuchs fest entschlossen ist, nach dem Abitur gänzlich andere Wege zu beschreiten, mischt sich neben Wehmut auch ein kleines bisschen fürsorgliche Erleichterung: »Vor fünf Jahren hätte ich noch gesagt, das Internet juckt mich nicht, das ist keine ernsthafte Konkurrenz. Aber es hat rasant zugenommen.« Mit der Ausdehnung des Internet-Handels beobachtet sie auch eine grundsätzliche Veränderung im Kaufverhalten der Menschen. »Die Moral hat sich geändert. Viele Kunden stöbern, lassen sich beraten, einen Artikel sogar zurücklegen – und erscheinen anschließend nicht mehr«, erzählt Mothes-Rump. »Wahrscheinlich haben sie es dann im Internet etwas günstiger gefunden.«

Traditionelle Werte pflegen

Zudem möchte der Kunde von heute vor allem eine möglichst große Auswahl vorfinden – und das zum Niedrigpreis. Doch gerade bei Uhren sei die Gewinnmarge gering und die Hersteller hätten hohe Mindestbestellwerte, sodass man in der Preisgestaltung eingeschränkt sei, der Warenbestand gut durchdacht zu sein habe. »Also müssen wir als lokaler Einzelhandel vorwiegend über Service und Dienstleistungen punkten.« Kompetente und gleichsam persönliche Beratung sowie zügige Reparaturen vor Ort könne man im Internet schließlich nicht kaufen. Insbesondere das Trauring-Geschäft sei beratungsintensiv und sehr emotional; ein Geschäft also, das verlässlich nur direkt von Mensch zu Mensch möglich sei und daher nach wie vor ein Standbein von ­Westphal ist.

Ein eigener Onlineshop kommt für das Traditionsunternehmen dennoch nicht infrage: »Die Kapazitäten besitzen wir gar nicht.« Und so setzt man weiterhin auf den lokalen Einkauf als individuelles Erlebnis, stellt die Persönlichkeit des Kunden in den Mittelpunkt und gewinnt mit Ehrlichkeit und Authentizität. Aus gutem Grund traditionelle Werte, die auch im schnelllebigen Internet-Zeitalter voraussichtlich nicht aus der Mode kommen werden. Mit welchem Fortbewegungsmittel man wohl in 125 Jahren zum Einkauf bei Juwelier Westphal in Peine gelangen wird?

Bild oben: Geschäftsführerin Melanie Mothes-Rump entwickelte die Liebe zum Schmuck bereits im Kindesalter.
geschrieben von  pau
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