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»Dieser Löwe ist Symbol für sozial und ökologisch nachhaltiges ­Handeln« Mittwoch, 11 Juli 2018 08:26 Foto: Jörg Scheibe

»Dieser Löwe ist Symbol für sozial und ökologisch nachhaltiges ­Handeln«

Wenn man sich mit Dr. Uwe Meier über Kakao, Kolumbien und den Kleinbauern dort unterhält, dann wähnt man sich fast in einem Abenteuerroman. Sein Engagement für das südamerikanische Land und mehr Fairness im Welthandel hat Menschen bessere Arbeitsbedingungen beschert und Braunschweig den Schoko-Löwen. Im Interview im botanischen Garten erzählt Uwe Meier, nach welchen Maßstäben sein Kakao produziert wird, welche Begegnungen im Dschungel ihn geprägt haben und warum von jetzt an mehr kolumbianische Kleinbauern von seinem Einsatz profitieren.



wirtschaft: Herr Dr. Meier, wenn man in den Ruhestand geht, lehnt man sich normalerweise zurück. Sie dagegen machen sich auf in den kolumbianischen Urwald. Warum?

Meier: Nach meiner beruflichen Laufbahn als Agrarwissenschaftler am Julius-Kühn-Institut habe ich mich gefragt, was ich nun mit meinen internationalen Erfahrungen anfange. Da kam mir folgender Gedanke: Was wäre, wenn ich unseren Braunschweiger Löwen aus Schokolade herstellen würde? Nach Standards, die im Hinblick auf Menschenrechte, Umwelt und Geschmack höchsten Ansprüchen genügen? Ich hatte gerade die Arbeit an einem Buch über Agrar-Ethik beendet. Die Ergebnisse wollte ich in die Praxis umsetzen – mit dem ultimativen Kakao aus Kolumbien.

wirtschaft: Wieso Kolumbien?

Meier: Das Land hat Engagement verdient nach 52 Jahren Bürgerkrieg und nun dem Friedensschluss. Das wichtigste Kakao-Exportland ist die Elfenbeinküste, wo Kindersklaven den Großteil produzieren müssen und die Böden zerstört sind. In Kolumbien, wo ich mich seit 1991 für Menschenrechte und Umwelt einsetze, ist das anders: Das Land ist kein großer Exporteur, obwohl der Kakao dort ein absolutes Premiumprodukt ist. Also habe ich mich vor fünf Jahren auf die Suche gemacht, um in den Urwäldern einen Kakao zu finden, der nach ökologischen und sozialen Prinzipien hergestellt wird.

wirtschaft: Welche Prinzipien sind das?

Meier: Mir ist wichtig, dass die Kakaoproduktion die Biodiversität, also die Vielfalt von Pflanzen und Tieren erhöht; dass die Kleinbauern auf ihren zwei bis vier Hektar nicht nur Kakao anbauen, sondern mehrere Nutzpflanzen und -tiere haben, damit sie nicht hungern müssen, wenn der Weltmarktpreis für Kakao sinkt. Und mir ist wichtig, dass der Anbau dem ­Klimawandel entgegenwirkt – also zum Beispiel kein klimaschädlicher Stickstoffdünger benutzt wird, weil dieser in der Herstellung viel Energie verbraucht. Insgesamt sind meine Vorgaben strenger als die der EU-Öko-Verordnung, an der ich seinerzeit als Beamter in Braunschweig mitgewirkt habe. Außerdem müssen die Kleinbauern den Koka-Anbau aufgeben.

Das Prinzip Biodiversität

wirtschaft: Mit wie vielen Kleinbauern arbeiten Sie zusammen?

Meier: Es sind derzeit nur fünf, denen mein Schokoladenhersteller und Importeur für den Kakao das Doppelte des Weltmarktpreises zahlt. Ich habe jeden Einzelnen kennengelernt. Die Bauern kommen aus Gebieten, die von der Guerilla kontrolliert wurden und wo der Bürgerkrieg sehr präsent war. Die Vereinten Nationen waren mir bei der Kakaosuche sehr behilflich.

wirtschaft: Wenn Sie sich an Ihre Reisen zurück­erinnern: Woran denken Sie zuerst?

Meier: An die Frauen-Kooperativen am Mittleren Rio Magdalena, die mutig die Kriegsparteien rausgeworfen haben. Es ist beeindruckend, wie die ihr Leben gemeinsam mit ihren Kindern meistern. Außerdem an die Kleinbäuerinnen, deren Männer erschossen wurden und die sich nun durchkämpfen mit der Kakaoproduktion. Und auch an die Indios vom Stamm der Arhuacos in der Sierra Nevada, die ihre Mutter Erde mit aller Kraft schützen.

Viele ungewöhnliche ­Erlebnisse

wirtschaft: Waren Sie in Gefahr?

Meier: In den ersten Jahren nahm die Deutsche Botschaft sicher Einfluss, dass das kolumbianische Militär auf mich aufpasst. Ich war täglich mit schwer bewaffneten Soldaten unterwegs. Wenn ich im Dschungel in der Hängematte schlief und ich nachts aufstehen musste, dann kam es schon mal vor, dass ich auf ein Gewehr trat, weil ein Soldat unter der Matte lag und auf mich achtgab. Ich habe, um es vorsichtig zu sagen, viel Ungewöhnliches erlebt.

wirtschaft: Was war die größte Schwierigkeit?

Meier: Die richtigen Menschen kennenzulernen und der Transport des Kakaos – aus den extrem entlegenen Gebieten über Maulesel und Boote auf die Straße, dann in den Container in der Küstenstadt Cartagena und schließlich per Schiff nach Amsterdam oder Rotterdam. Das ist eine große Herausforderung, zumal ich mich mit solchen Dingen nicht sonderlich gut auskenne.

Zuverlässige Partner sind essenziell

wirtschaft: Wer hilft Ihnen bei Ihrer Mission?

Meier: Ohne zuverlässige Partner geht es nicht, aber die muss man erst mal finden. Neu ist, dass ich jetzt mit Dengel, einer Confiserie-Manufaktur aus Rott am Inn, zusammenarbeite, die den Kakao in größeren Mengen importieren möchte.

wirtschaft: Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Meier: Das Unternehmen Dengel, das ich mit meiner Perspektive auf Menschenrechte und Umwelt unterstütze, übernimmt meine Auswahlkriterien für den Kakao und bringt ihn mir im Gegenzug nach Deutschland. Der große Vorteil der Partnerschaft ist, dass jetzt viel mehr Kleinbauern einen Nutzen ziehen können. Und dass meine Löwen-Schokolade, die ich in der Schokoladenmanufaktur Eberhardt in Reichelsheim produzieren lasse, preiswerter wird.

Positive Signale – wichtiger als Umsatz

wirtschaft: Verdienen Sie mit Ihrer Firma Urwaldgarten und den Schoko-Löwen Geld?

Meier: Ja, und ich lege auch Wert darauf, dass es sich rechnet. Da ist nichts ehrenamtlich. So ist es auch mit der zweiten Firma, die ich mit vier Designern in Braunschweig gegründet habe, der Cacao de Paz GmbH. Für Urwaldgarten rechne ich damit, jährlich 500 ­Schoko-Löwen und 2000 Schokoladen­tafeln in Braunschweig und anderen Städten mit dem Welfenlöwen zu verkaufen. Wichtiger als Geld und Umsatz ist mir aber etwas anderes.

wirtschaft: Nämlich?

Meier: Das Signal, das diese Schokolade mit dem Löwen aus unserer Stadt aussendet. Sie wird unter besonderen Bedingungen hergestellt, und so ist dieser Löwe ein Symbol für sozial und ökologisch nachhaltiges Handeln, an dem sich die Braunschweiger Industrie und der Handel orientieren können. Es wäre schön, wenn Braunschweiger Unternehmen ihn verschenken würden – zum Beispiel an Geschäftspartner, die sie besonders wertschätzen.

Bild ganz oben: Dr. Uwe Meier setzt sich seit Anfang der 90er-Jahre für sozial und ökologisch nach­haltiges Handeln ein.
geschrieben von  boy
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