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»Ich bin ein vorsätzlicher Angeber« Montag, 05 Februar 2018 10:05 Foto: André Pause

»Ich bin ein vorsätzlicher Angeber«

»Ein eigenes Haus mit eingebautem Tonstudio war irgendwie immer mein Traum. Die wichtigen Typen in Kalifornien haben das mit Blick auf den Pazifik, die in Deutschland sitzen an der Elbchaussee in Hamburg, und ich halt in Weddel«, lacht Jan-Heie ­Erchinger. Seit elf Jahren wohnt der frühere Pianist der Jazzkantine mit Frau Claudia und Sohn Johannes in seinem Domizil kurz hinter der Braunschweiger Stadtgrenze – und fühlt sich pudelwohl.

Kein Wunder: Das Landschaftsschutzgebiet Riddagshausen ist nur ein paar Meter entfernt. Dieses mit dem Fahrrad hinter sich gelassen, sei er »nach gefühlt zwei Straßenüberquerungen« bereits an der Jasperallee. Erchinger ist ein Bewegungs- und Naturfreak. Eine Stunde an der frischen Luft der Umgebung nehme er sich tagtäglich, sagt er. Mal absolviert er eine kleine Laufrunde oder er fährt die Strecke zu Musik­unterrichtsterminen in seinen Braunschweiger Räumen mit dem Mountainbike.

Musiker und Musiktrainer

Unter dem Label »Musiktrainer Erchinger« führt der 50-jährige Tastenmann neben seiner Arbeit als Künstler seit etwa 20 Jahren freiberuflich Menschen ans Instrument. Mittlerweile arbeiten bis zu 25 Musiker unter seinem Namen, ebenfalls freiberuflich, auf Rechnung. Er habe durchaus mal daran gedacht, das diesbezügliche Engagement ein bisschen »upzugraden«, eine Firma zu gründen, sagt er. »Mit der Idee, das als Musikschule aufzuziehen war ich allerdings alles andere als der Erste, und so habe ich mir lieber als Einzelkämpfer meine spezielle Nische gesucht. Ich selbst gebe Schlagzeug- und Klavierstunden mit der Kernkompetenz Jazz-­Piano.« Instrumente, die er nicht beherrscht, unterrichten derweil erfahrene Musiker unter seinem Dach, beziehungsweise seinen Dächern, hat Erchinger doch mittlerweile mehr als ein halbes Dutzend Räume in Braunschweig (unter anderem in der Helmstedter Straße) und ­Weddel angemietet.
Vom Zeitaufwand hielten sich kreatives Schaffen und Unterricht wohl die Waage schätzt der Musiker, der sich freut, vor allem in der Region regelmäßig für Studioarbeit und Live-Musik gebucht zu werden. Gerade hat er einen neuen Song für das Reitturnier Löwen Classics geschrieben, auch Unternehmen klopfen zwischendurch gerne mal mit Aufträgen an und dann ist da noch seine Herzensangelegenheit: das Karnevalsliedgut. 45 bis 50 Stücke für das von Robert Glogowski initiierte Projekt »Elf ­Lieder« seien in seinem Tonstudio mittlerweile entstanden, rechnet Erchinger vor.

Studiojobs und Live-Musik


Mit der Rolle als musikalischer Dienstleister in den unterschiedlichsten Bereichen habe er sich gut arrangiert, nicht zuletzt, weil sie ihn erde. »Ich hatte die Gnade, bei der Jazzkantine zu Zeiten des Hypes hier in den 90ern voll am Start zu sein, habe da sehr viel erlebt und war fast 17 Jahre in der Band. Meine ersten Profimusikerjobs und Plattenverkäufe hatte ich bereits vorher, aber eher in Amerika, dank eines Smooth-Jazz-Projekts mit Ingo Meyer vom Studio 1 (Blue Knights). Das alles ist schon irgendwie abgefahren. Vielleicht habe ich mir erträumt, dass es hier und da noch ein bisschen fetter oder nachhaltiger ist, aber so bin ich nach wie vor im Rennen«, sagt Erchinger nüchtern, hadert kein Stück mit der sukzessiven Aufgabenverschiebung, wirkt ausgeglichen und zufrieden. Die Live-Jobs zu unterschiedlichsten Anlässen absolviert er inzwischen meist »on top«, in einer normalen Arbeitswoche von Montag bis Freitag beispielsweise am Freitagabend oder am Sonntagvormittag.

Authentischer Darsteller

Anspruchsvolle Jazz- und Funk-Projekte realisiert der gebürtige Osteroder (»Harzborn Heie«) natürlich weiterhin, unter anderem als Pianist und stolzer musikalischer Leiter der Veranstaltungsreihe »Jazz im Park«, die in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal stattfindet. Auch die persönlichen Jazz-Veröffentlichungen und Funk-Sachen sind ihm wichtig – weniger aus monetärer Sicht, sondern als glaubwürdige Belege für ein gutes Standing, oder als Futter für seine Kommunikation.

Wer mit Erchinger in den sozialen Medien verbunden ist, wird über Neuigkeiten in dessen Kosmos bestens auf dem Laufenden gehalten. Der Musiker muss schmunzeln: »Bei Facebook ist es so, dass da der ehrliche und offene Heie vorne ist. Es gibt keine platte Promotion, um irgendwie nach oben oder nach vorne zu kommen, da bin ich eher authentisch, durchaus mal unangepasst und polarisierend. Das ist eine Plattform, die ich bewusst unkritisch annehme. Ich freue mich über die Kommunikation, die ich als jetzt 50-Jähriger mit vielen Menschen habe, dass ich politisch streiten kann, Diskussionen habe, dass meine kleinen grauen Zellen dadurch angeregt werden. Ich habe meinen Tag mittlerweile so aufgebaut, dass ich morgens beim Frühstück bei Facebook meine Meinung kundtue und gleichzeitig ein bisschen damit prahle, was ich gerade so mache.«

Der Musiker sieht sich augenzwinkernd selbst mindestens als Darsteller, wenn nicht sogar als »vorsätzlichen Angeber«. Ausführliche Bilderreigen inklusive Selfie-Material aus dem Freibad in Hemkenrode, aus dem Landschaftsschutzgebiet Riddagshausen oder aus der kürzlich erworbenen und eigenhändig renovierten Ferienwohnung in Sankt Andreasberg (»Der Harz ist der Hammer!«) sind daher ebenso regelmäßig in der Timeline zu finden wie Fotos der aktuellen Automobile des familiären Fuhrparks. »Es macht mir Spaß, mich und mein Umfeld zu zeigen«, sagt Erchinger.

Design-Klassiker und Kunst der Familie

Auch das Weddeler Eigenheim und die vor etwa 16 Jahren »zum Preis eines gut ausgestatteten VW Golf« erworbene Berlin-Neuköllner Wohnung direkt am Volkspark Hasenheide in einer schönen Altbaustraße sind des Öfteren in den Social-Media-Kanälen des Musikers zu erleben. Zeigenswertes gibt es im hiesigen Domizil einiges, pflegen die Erchingers doch einen geschmackvollen Einrichtungsstil und beweisen dabei ein geschultes Auge für Design-Klassiker. Der Musiker und Musikvermittler, der bis zum absolvierten ersten Staatsexamen Grund- und Hauptschullehramt für Mathematik, Musik und Evangelische Religion studiert hat, legt wie seine Frau Claudia Wert darauf, dass ein Stilmix aus verschiedenen Dekaden erkennbar ist. »Ansonsten möchte ich einfach Parkett haben – und ein tolles Klavier«, ergänzt der Hausherr.

Im Sommer geht es dann in den Garten mit kleinem Fischteich. Früher habe er gerne mit Sohn Johannes hier gekickt, erzählt Erchinger. Heute sei der Kleinstpark auf dem 1000 Quadratmeter-Grundstück im Sommer vor allem eine Spielwiese seiner Frau Claudia, die sämtliche gärtnerischen Tätigkeiten erledige und darüber hinaus in einer kleinen Holzhütte an Bildern und Skulpturen arbeite. Die Ergebnisse dieses kreativen Schaffens sind im ganzen Haus zu bestaunen. Er selbst erhole sich dann doch lieber auf der Sonnenliege, sichtgeschützt durch üppiges Grün und Bretterzaun. Er brauche zwischendurch einfach Luft zum Atmen, erzählt der Musiker. Danach kann es gerne wieder ins hauseigene Tonstudio gehen, oder in den Übungsraum.


Bild oben: Jan-Heie Erchinger in seinem Tonstudio im Dachgeschoss seines Familien-Domizils in Weddel. Im Keller hat der Musiker einen Übungs- und Unterrichtsraum untergebracht.

geschrieben von  pau