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»Das, wofür mein Herz brennt« Montag, 13 November 2017 14:29 Foto: André Pause

»Das, wofür mein Herz brennt«

Die Neubausiedlung im Braunschweiger Stadtteil Timmerlah hat schon etwas Labyrinthisches. Dicht an dicht stehen die Häuser. Ein paar Minuten für die Straßen- und Hausnummernsuche einzuplanen, ist hier durchaus ratsam. Silvia und Thorsten Stelzner wohnen seit 15 Jahren in der Kirchenwiese. »Wir ziehen wohl auch nicht mehr weg«, sagen die Betriebsrätin und Sprecherin des Wirtschaftsausschusses bei VW Financial Services und der Lyriker, Satiriker und Betreiber der Kultur-Stätte Vita-Mine sich gegenseitig anblickend übereinstimmend.

Und das, obwohl sie die – rechnet man den Keller mit ein – 200 Quadratmeter Wohnfläche selbst gar nicht mehr komplett benötigen. Die drei gemeinsamen Kinder sind eigentlich komplett flügge: Konstantin (22) studiert in Hannover, Leonie (19) in Hamburg. Nur Aleksander (16) wohnt noch zuhause. »Jaja, bald können wir die erste Etage zumauern«, sagt Thorsten Stelzner schmunzelnd. Im Erdgeschoss hat das seit 23 Jahren verheiratete Paar kurz nach dem Bezug noch den entgegengesetzten Weg gewählt. Die Wand zwischen Küche und Wohnzimmer musste weichen, damit es einen Platz gibt, an dem die ganze Familie zusammensitzen kann.

Comic-Schränke und ­Wasserschildkröten

An einige Annehmlichkeiten haben sich die Stelzners, die ursprünglich nach Stöckheim ziehen wollten, im Laufe der Zeit doch gewöhnt. Die bis zum Harz reichende Sicht aus dem Schlafzimmerfenster im Dachgeschoss gehört dazu oder der Keller, wo Hausherr Thorsten sein eigenes Reich hat. Da stehen die mit Comic-Bänden randvoll gepackte Schrankwand, ein paar Meter weiter zwei Aquarien mit vier Wasserschildkröten, und um die Ecke Billard- und Kickertisch nebst Fitnessturm. Auch die ruhige Lage des Domizils wissen die Eheleute heute mehr denn je zu schätzen. Der Timmerlaher Busch, ideal für Gassi-Gänge mit Husky Shadow, ist nur einen Schlagballwurf entfernt. Und verkehrstechnisch sei der Stadtteil auch nicht allzu weit vom Schuss, wird beidseitig versichert.

Die Vita-Mine

Silvia Stelzner ist mit dem Auto in wenigen Minuten am Arbeitsplatz im Braunschweiger Norden und Gatte Thorsten genießt mittlerweile die beinahe tägliche Fahrradtour ins östliche Ringgebiet. In der Karl-Marx-Straße hat der Mann, der von der Lyrik zur Satire und jetzt von der Satire zurück zur Lyrik gekommen ist, mit seiner (neuen) Vita-Mine innerhalb kürzester Zeit einen Ort etabliert, der aus der städtischen Kulturlandschaft kaum noch wegzudenken ist. Stelzner selbst verrichtet dort sein schriftstellerisches Tagwerk, darüber hinaus gibt er bildenden Künstlern, vorwiegend aus der Region, Raum für Ausstellungen und veranstaltet regelmäßig Lesungen und Konzerte, die nicht selten in Windeseile ausverkauft sind. Künstler wie Manfred Maurenbrecher oder Extrabreit-Sänger Kai Havaii geben sich in der Location im östlichen Ringgebiet inzwischen die Klinke in die Hand.

Ich habe einfach so ­angefangen

Vieles in seinem Leben habe sich einfach so gefügt, sagt der 54-Jährige. Manchmal müsse er sich selber kneifen, sich vergewissern, dass das um ihn herum alles real ist. Thorsten Stelzner ist in der Weststadt aufgewachsen. Einem Stadtteil also, in dem über ambitioniertes Textwerk tendenziell nicht allzu häufig nachgedacht wird. »In Ermangelung an Leuten, mit denen ich reden konnte, habe ich mit 13 Jahren einfach angefangen zu schreiben. Die Jungs am Wasser­spielplatz sprachen damals nicht so gerne und viel über Gefühle. Und als ich dann meine erste Udo-Lindenberg-Platte geschenkt bekam, dachte ich: Das mache ich auch«, erzählt der gebürtige Wolfenbütteler. Dabei habe ihn der Deutschunterricht in der Schule durchweg genervt und gelangweilt. »Das war für mich insgesamt ein ganz heikles Thema. Da geht es mir so wie Reinhard Mey, der irgendwann mal geschrieben hat: Die beste Zeit in der Schule war die, wo ich Träumen und Ideen nachhing, aus dem Fenster guckte, und dachte, was ihr da macht, interessiert mich nicht.«

Vom Obst und Gemüse zur Literatur

Wie Thorsten Stelzner die Zeit im Martino-­Katharineum (»nach gnadenvollem Beschluss des Kollegiums mit einem Hauptschul­abschluss entlassen«) und seine anschließende Berufsausbildung im Großmarkt (»meine wilden Jahre«) überstanden hat, oder die Umstände, die dazu führten, dass damalige Braunschweiger Szene-­Gastronomen den bis dahin eher im stillen Kämmerlein schuftenden Literaten entdeckten, all das böte Stoff für mindestens eine weitere Geschichte. Wir kürzen daher ab: Eine Orientierungsphase Ende der 80er-Jahre nutzte Stelzner kreativ, schrieb öfter und mehr denn je und veröffentlichte in Eigenregie sein erstes Buch. Hauptberuflich wagte er mit dem (alten) Obst- und Gemüseladen Vita-Mine am Bültenweg den Start in die Selbstständigkeit. Dieser ist er bis heute treu geblieben – auch wenn er seit nunmehr 16 Jahren ausschließlich Lyrik und Satire statt Obst und Gemüse an den Mann und an die Frau bringt.

Die aufgehende Saat

Thorsten Stelzner ist bestens gebucht, tourt mit seinen Live-Programmen durch den gesamten deutschsprachigen Raum. Beim Schreiben tendiert er derzeit wieder mehr zur Lyrik. »Das ist das, wofür mein Herz brennt.« Spätestens 2019 soll es einen neuen Band geben. Von seiner Kunst leben könne er, wie er sichtlich zufrieden versichert, selbst sehr gut. Die Familie werde allerdings eher vom soliden Einkommen der Gattin versorgt. »Im Grunde haben wir uns gegenseitig Zeit geschenkt. Dadurch, dass ich 14 Jahre zuhause gearbeitet habe, konnte Silvia sich um ihre Karriere kümmern – und ich literarisch wachsen. Jetzt sind wir an dem Punkt, wo wir sehen, dass die Saat insgesamt aufgeht. Das ist wirklich schön.«

Der Alleinunterhalter

Noch schöner ist, dass Künstler und Kulturfans der Region vom Wirken Stelzners und seiner Vita-Mine profitieren. Stolz sei der Kreativwirtschaftler darauf. Aber? Er runzelt die Stirn: »Ach, ich will nicht klagen, schließlich lebe ich mit diesem Laden meinen Traum. Und gut angenommen wird er ja nun auch. Nichtsdestotrotz habe ich das Gefühl, dass sein Wert für die Kulturszene manchmal nicht so recht erkannt wird.« Mitteltechnisch sei die heutige Vita-Mine ohnehin eher ein Nullsummenspiel. Aber auch die Rolle des Alleinunterhalters fiele ihm mit­unter doch sehr schwer. »Ich sehe zum Beispiel, dass der Fußboden dringend gemacht werden müsste, dass es hier und da schon einen kleinen Renovierungsstau gibt. Aber: Zerteilen kann ich mich eben auch nicht«, seufzt Stelzner.

Mit ein wenig Unterstützung, meint er, wäre der Betrieb sicher einfacher zu stemmen. »Aus meinem zweiten Zuhause wegzuziehen, kommt allerdings gar nicht infrage, egal, wie es weitergeht«, sagt er. Jetzt muss er doch wieder lachen: »Und zugemauert wird auch nichts.«

Bild ganz oben: Thorsten und Silvia Stelzner fühlen sich pudelwohl in ihrem gemütlichen Zuhause im Stadtteil Timmerlah.

geschrieben von  pau