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»Auf die Attraktivität der ­Dualen Berufsausbildung muss stärker ­hingewiesen werden« Mittwoch, 31 Januar 2018 11:40 Foto: Jörg Scheibe/André Pause/Holger Isermann

»Auf die Attraktivität der ­Dualen Berufsausbildung muss stärker ­hingewiesen werden«

Voller Zuversicht könne unsere Region, die sich im Gleichklang von Wirtschaft und Wissenschaft gut entwickle, in das Jahr 2018 starten, betonte IHK-Präsident Helmut Streiff vor rund 1200 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft am 9. Januar beim 33. IHK-Neujahrsempfang in der Braunschweiger Stadthalle. Auch Olaf Lies, Niedersächsischer Minister für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz, der den aufgrund von »GroKo«-Sondierungsgesprächen in Berlin gebundenen Ministerpräsidenten Stephan Weil ­vertrat, bezeichnete die derzeitige Lage als »zumindest so gut wie seit Jahrzehnten nicht«. Einig waren sich Streiff und Lies mit ­Volker Heemsoth, dem Vorsitzenden des diesjährigen Ausrichters und Sponsors Industrieklub Braunschweig von 1918, der forderte: »Investieren Sie in Bildung und die Digitalisierung – und stoppen Sie die Bürokratie, gehen Sie den Reformstau im Land an!«

Diesen hatte zuvor schon Helmut Streiff angemahnt. Zunächst allerdings begrüßte der frischgebackene IHKN-Präsident den Repräsentanten der Landesregierung und lobte die gute Zusammenarbeit während der vorherigen Legislaturperiode. Den Einstieg in seine Rede nutzte er zudem für einen launigen Seitenhieb in Richtung des Braunschweiger Oberbürgermeisters Ulrich Markurth: »Wir finden es hier in der Stadthalle sehr schön, und sie wird ab 2020 sicher noch schöner werden. Was das Parkdeck anbelangt, braucht man allerdings eine Menge Fantasie, um diesen Haufen Beton unter Denkmalschutz zu stellen.«

Guter Schulterschluss

Hiernach ging Streiff auf den neuen niedersächsischen Koalitionsvertrag ein, der aus seiner Sicht viele Punkte enthalte, die auf einen guten Schulterschluss der Wirtschaft mit der Landesregierung hindeuteten. Da seien zunächst die Förderung der Dualen Berufsausbildung, die Rücknahme vorgesehener Stellenstreichungen bei Berufsschulen sowie der Ausbau der Berufsorientierung an allen Schulen. Als besonders drängendes Thema identifizierte Streiff den Lehrermangel an den Berufsschulen, wo die Unterrichtsversorgung teilweise nur noch zu 85 Prozent gesichert sei. Seine Anregung, die Ausbildung von Berufsschullehrern auch an der TU Braunschweig zumindest für technische Fächer einzurichten, stieß bei Minister Lies ebenso auf offene Ohren, wie die Forderung, im Rahmen der Berufsorientierung stärker auf die Attraktivität der Dualen Berufsausbildung hinzuweisen. Streiff: »Karriere mit Lehre ist hier das Stichwort. Wir müssen den Trend zur Akademisierung brechen, denn wir haben keinen Akademikermangel. Die Wirtschaft hat einen Fachkräftemangel – und der wirkt inzwischen bereits wachstumshemmend.« Zu begrüßen sei in diesem Zusammenhang das im Koalitionsvertrag fixierte Ziel, die Grundkompetenzen Rechnen und Rechtschreibung stärker in den Fokus zu nehmen, lag Niedersachsen in diesen Disziplinen beim aktuellen Bildungstrend doch nur auf Platz 13 der 16 Bundesländer (die IHK Braunschweig setzt dieser Tage ihr Projekt »Notstand in Mathematik« fort und wird hierzu in den kommenden Wochen mit konkreten Forderungen auf Kultusminister Grant Hendrik Tonne zugehen).

Werben für Duale ­Ausbildung

Lies konstatierte aufgrund von Erfahrungen, die er selbst gemacht habe: »Die Duale Ausbildung ist ein Gewinn für jeden. Und der viel erfolg­reichere Weg, als sich – wenn es nicht so klappt – noch drei Jahre auf der Schule zu quälen.« Dafür zu werben und zu motivieren, sei gemeinschaftliche Aufgabe. Beim Thema Ausbildung von Berufschullehrern regte der Minister Kooperationen zwischen den Hochschulen an. Er plädierte für eine weitgehend kostenfreie Weiterqualifikation auch nach Durchlaufen der Dualen Lehrlingsausbildung. Das bleibe Kernthema, denn: »Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sind Investitionen in Bildung die beste Wirtschaftsförderung, die wir betreiben können – und die beste Grundlage für eine positive gesellschaft­liche Entwicklung.«

Die IHK informierte im Foyer

Die IHK Braunschweig ist an der Sicherung des Fachkräftenachwuchses seit kurzer Zeit mit dem Projekt »Berufsbildung 360°« beteiligt. In 3-D-Filmen können sich Ausbildungsbetriebe Jugendlichen auf zeitgemäße Art und Weise vorstellen und für ihr Unternehmen werben. Am IHK-­Infostand im Foyer erläuterten Mitarbeiter inte­ressierten Gästen detailliert die Möglich­keiten dieser Plattform. Einen hohen Stellenwert mit Blick auf die Fachkräftesicherung hat die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Auch hierzu gab es Informationen für die Besucher.

Technologietransfer ­ausbauen

Zustimmung äußerte Helmut Streiff zur Absicht der Landesregierung, den Technologietransfer aus den Hochschulen in die Wirtschaft unter anderem mit Hilfe eines 20-Millionen-Euro-­Förderprogramms auszubauen: »Wir müssen und können bei der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in konkrete Produkte sicher schneller werden.« Mit der jetzt regelmäßig erscheinenden Rubrik »Start-up meets Player« gibt unsere IHK-Zeitschrift technologieorientierten Unternehmensgründungen seit der Januar-­Ausgabe mittels eines Gründersteckbriefes die Gelegenheit zur Kurzvorstellung. Das Unternehmen Formhand Automation, das sich auf die Entwicklung hochflexibler Greifer spezialisiert hat und strategische Partner für die weitere Unternehmensentwicklung sucht, war eines der ersten drei sich präsentierenden Start-ups und beim Neujahrsempfang auch direkt vor Ort vertreten.

Einen neuen Ansatz in punkto Technologietransfer, so Streiff, werde am 6. Juli im Rahmen des hiesigen ATP-Tennisturniers das Format »Wirtschaft trifft Wissenschaft« verfolgen, bei dem jeweils 100 Repräsentanten aus beiden Bereichen themenorientiert zusammen­kommen sollen.

Der Handel im Umbruch

Während der Einzelhandel der Region auf das unmittelbar bevorstehende Gesetz über Ladenöffnungs- und Verkaufszeiten wartet, hat sich die IHK Braunschweig unlängst positioniert. »Unsere Auffassung ist, die Sonntagsöffnungszeiten nicht auszuweiten, aber vier Sonntags­öffnungen jährlich für den stationären Einzelhandel sicherzustellen, ohne dass es hierzu eines besonderen Anlasses bedarf. Konkret: Vier Sonntagsöffnungen im Jahr müssen rechtssicher möglich sein«, formulierte der IHK-Präsident, der auch dem Vorurteil, die IHKn in Niedersachsen seien gegen Flohmärkte, offensiv entgegentrat. »Wir sehen es lediglich kritisch, dass an Sonntagen Flohmärkte stattfinden können, bei denen auf mehr als 50 Prozent der Fläche Neuwaren angeboten werden. Hier sehen wir eine Wettbewerbsverzerrung zu Lasten des stationären Einzelhandels.« Dieser, so Streiff, befinde sich aufgrund des steten Wachstums im Online-Geschäft ohnehin im Umbruch. Angesichts der Tagesumsätze des chinesischen ­Players Alibaba von teilweise mehr als 20 Milliarden Dollar gelte es, den stationären Einzel­handel ebenfalls ins digitale Zeitalter zu führen.

Unterstützung hierfür gibt es bereits: Das dank Vollversammlungsmitglied Olaf Jaeschke als Repräsentant des Einzelhandelsverbandes Harz-Heide und Professorin Dr. Susanne Robra-­Bissantz von der TU Braunschweig in der Region geförderte neue Online-Portal www.einkaufshelden.de wird in Peine bereits sehr gut angenommen, in Braunschweig steht es unmittelbar vor dem Start.

Digitalisierung als Chance nutzen

Den im Zuge der Digitalisierung unabding­baren Ausbau der Breitbandinfrastruktur hat Olaf Lies bereits als Niedersächsischer Wirtschaftsminister vorangetrieben. Und auch die IHK Braunschweig engagiert sich diesbezüglich unter dem thematischen Dach »Dialog 4.0« in einer Kooperation mit den Arbeitgeberverbänden Region Braunschweig und Harz. Dabei werden unterschiedliche Aspekte zu den Themen Digitalisierung und Wirtschaft 4.0 aufgegriffen. Die gesamte Wirtschaft ebenso wie die Verwaltung, so Helmut Streiff, müsse die Digitalisierung als Chance begreifen. Das traf den Nerv von Ingenieur Lies, dessen Gefühl zufolge die Diskussionen zum Thema Innovation und Digitalisierung noch allzu oft in reine Infrastrukturdebatten mündeten. Natürlich müsse man auch auf diesem Feld besser werden, die Suche nach neuen Möglichkeiten dürfe aber auch nicht zu kurz kommen. Gerade in dieser Region, die sich mit 27 Forschungseinrichtungen und mehr als 15 000 Beschäftigten schwerpunktmäßig dem Thema Zukunftstechnologie widmet, bleibe zu hoffen, dass es »uns gelingt, nicht nur den Erfolg von heute zu sehen«.

Jetzt in die Zukunft investieren

Die Erfolge der Gegenwart stimmten jedenfalls schon mal – auch in Zahlen gemessen, waren sich Streiff und Minister Lies einig. Letzterer lobte die Unternehmen und – dafür erntete er heftigen Beifall – auch das Ehrenamt, die wirtschaftliche Entwicklung der Region vorangebracht zu haben. Das Ergebnis: ein guter Status Quo.

»Im ersten Halbjahr 2017 lag das Bruttoinlands­produkt in Niedersachsen spürbar über dem Bundesschnitt und war zudem besser als in den beiden Vorjahren. Auch die Konjunktur­umfrage, die die IHK Niedersachsen durchgeführt hat, zeigt: nur 6 Prozent sind mit der aktuellen Lage nicht zufrieden. Das hat es, so meine ich, noch nie gegeben. Wir haben Unternehmen, die in durchaus schwierigen Situationen oder Marktlagen sind. Wir haben einen Anstieg der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in unserem Land (etwa 230 000 Menschen in Niedersachsen sind derzeit arbeitslos). Das halte ich für ein ganz wesentliches Element. Der Kreislauf, den wir in schwierigen Jahren vermisst haben, funktioniert gut«, skizzierte Lies zufrieden, rief aber auch dazu auf, jetzt nicht nachzulassen. »Wir sollten die starke Situation nutzen, jetzt Zukunftsinvestitionen zu tätigen. Jetzt entscheidet sich, wie die wirtschaftliche Lage in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ist. Jetzt können wir aus einem starken Haushalt die nötigen Investitionen stemmen, jetzt können wir es uns leisten, in Infrastruktur, in Bildung, in Arbeit und in Nachhaltigkeit zu investieren.«

Helmut Streiff griff in seiner Rede neben einem Plädoyer für eine zielorientierte Gewerbe­flächenentwicklung noch den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur auf (A 39, Weddeler Schleife, Schiffshebewerk Lüneburg und perspektivisch Ausbau der A 2), bescheinigte gutes Vorankommen, forderte aber auch, vehementer für »deutlich verkürzte Projektrealisierungszeiten« einzutreten. Hiernach nahm der Präsident zur Arbeit der IHK Braunschweig Stellung und blickte unter anderem auf die sparsame Haushaltsführung der Kammer, die in diesem Jahr den Umlagebetrag von 0,17 auf 0,15 Prozent senkt.
Nicht akzeptiert werden dürfe, so der IHK-­Präsident zum Abschluss seiner Ausführungen, die fortwährende Diskreditierung des größten Arbeitgebers der Region. »Die Automobilbranche investiert jährlich 40 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung, was unter anderem dazu führt, dass unsere Region so gut prosperiert«, so Streiff, der an alle Anwesenden appellierte, gemeinsam mit der Volkswagen AG den Blick nach vorne zu richten und mit der Elektromobilität und anderen Projekten die Zukunft der gesamten Region gemeinsam zu sichern.

Ein besonderer Dank des IHK-Präsidenten ging an den Industrieklub Braunschweig von 1918 für die Ausrichtung, Finanzierung und Gestaltung des Neujahrsempfangs, dessen offizieller Teil mit einem opulenten Saalfeuer­werk zu den Klängen des TU-Orchesters zu Ende ging.

Bild ganz oben: IHK-Präsident Helmut Streiff, Olaf Lies (Niedersächsischer Minister für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz) und Volker Heemsoth (Vorsitzender des Industrieklubs Braunschweig von 1918, v. l.) blickten in ihren Reden positiv ins Jahr 2018.



Weitere Impressionen vom IHK-Neujahrsempfang 2018

geschrieben von  pau