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33. Technologietransferpreis der IHK: Messen in einer neuen Dimension Montag, 04 Dezember 2017 09:39 Foto: André Pause

33. Technologietransferpreis der IHK: Messen in einer neuen Dimension

Unsere Region ist schon lange eine Hochburg der Messtechnik. Schließlich diente die Braunschweiger Elle am Altstadtmarkt bereits seit dem 16. Jahrhundert Käufern und Verkäufern von Stoffen und Gewändern, die im Gewandhaus Tuche kauften, zur Kontrolle. Die »neue Braunschweiger Elle« liefert nun einen Vergleichsmaßstab, der die innere Struktur von Viren, Proteinen und kleinsten Molekülen exakt abbildet. Für ihre gemeinsam entwickelten Nanometerlineale, die im Betrieb von superauflösenden Mikroskopen ihren Einsatz finden und die Überführung ihres Wissens aus der Wissenschaft in die wirtschaftliche Praxis sind das junge Gründerteam des Start-up-Unternehmens GATTAquant sowie ihr Mentor Professor Dr. Philip Tinnefeld am 3. November mit dem 10 000 Euro dotierten Technologietransferpreis der IHK Braunschweig ausgezeichnet worden.

Verliehen wurde der Technologietransferpreis in diesem Jahr bereits zum 33. Mal. Insgesamt sind seit 1985 90 Preisträger mit 40 Transfer­objekten und einer Preissumme von mehr als 290 000 Euro ausgezeichnet worden, freute sich IHK-Präsident Helmut Streiff.

Fortschritte der ­Mikroskopie

Dass es heute möglich ist, mit hoher Auf­lösung in die einzelnen Bestandteile lebender Zellen zu schauen und detaillierte Erkenntnisse über die Bausteine des Lebens zu gewinnen, ist das Ergebnis enormer Fortschritte der Mikroskopie in den vergangenen Jahren. Für den immer präziseren Blick auf die hier wirksamen Biomoleküle finden unterschiedliche Verfahren Anwendung, wie etwa das STED-Mikroskop (Stimulated Emission Depletion). An die Funktionsweise der im Jahr 2014 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichneten, technisch außerordentlich komplexen Hochleistungs­mikroskope, an deren Entwicklung mit Stefan Hell vom Max Planck Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen auch ein Wissenschaftler aus Deutschland beteiligt war, knüpfen die in Braunschweig wirkenden Forscher an, entwickelten ein Nanometerlineal, mit dem sich tatsächlich realisierbare Auflösung aller gängigen Mikroskopie-Systeme bis auf wenige Nanometer genau überprüfen lassen. Bislang – das Auf­lösungslimit für optische ­Mikroskope liegt bei etwa 0,2 Mikrometern – war diese höchstens als Punkt erkennbar.

Legosteine im Nanoformat

»Wenn eine Aufnahme fehlschlägt, lässt sich oft nicht feststellen, ob die Probe beschädigt war oder ein Defekt am Mikroskop für den Fehler verantwortlich ist. Mit den Nanometerlinealen bieten wir eine Referenzstruktur, mit der sich Mikroskope zuverlässig testen lassen«, sagt Dr. Jürgen Schmied, Geschäftsführer des technologienehmenden Unternehmens ­GATTAquant GmbH aus Braunschweig, zu dem auch die weiteren Preisträger Dr. Max Scheible und Dr. Carsten Forthmann gehören. Professor Dr. Philip Tinnefeld, Leiter der Arbeitsgruppe »NanoBioSciences« an der Technischen Universität Braunschweig am Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, steht dem jungen Unternehmen beratend zur Seite.

Die speziellen optischen Mikroskopieproben ermöglichen neben der unkomplizierten und schnellen Überprüfung superauflösender Mikro­skopiesysteme auch einen einfachen und nichtsdestotrotz aussagekräftigen Vergleich verschiedener Systeme untereinander. »Unsere Proben werden auch als Referenzstrukturen für molekulare Testreihen genutzt, wie sie in der Diagnostik zum Einsatz kommen«, ergänzt Dr. Scheible.

Die Nanometerlineale werden mit Hilfe der sogenannten DNA-Origami-Technik hergestellt, welche die hochparallele Synthese komplexer Nanostrukturen ermöglicht, wobei deren Form durch die Wahl der DNA-Sequenzen völlig frei programmierbar ist. An diese Strukturen bringen die Forscher gezielt Farbstoffmoleküle in einem frei einstellbaren, aber präzisen Abstand zueinander an. Die Farbstoffe dienen als Marker auf dem Lineal und können mit den Mikroskopen sichtbar gemacht werden.

Die DNA-Origami-Technik hat auch andere, mehrfach ausgezeichnete Entwicklungen in der Arbeitsgruppe von Professor Tinnefeld ermöglicht, wie Nano-Linsen, Antennen oder »Kraftfedern«, mit denen die Entwicklung von Kräften auf Strukturen im Zelleninneren gemessen werden können. »Für uns ist die Technologie wie ein Steckbrett, auf dem wir unterschiedliche molekulare Komponenten wie Legosteine anbringen können«, schwärmt ­Professor Tinnefeld.
Kunden in 50 Ländern ­weltweit

Ermöglicht wurde die Gründung der ­GATTAquant GmbH im September 2014 durch die Förderung aus Mitteln des EXIST-­Programms des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Inzwischen beliefert das Unternehmen Kunden in etwa 50 Ländern weltweit. Neben renommierten Universitäten und wissenschaftlichen Arbeitsgruppen zählen auch Unternehmen aus den Bereichen Mikro­skopie, Pharma und Diagnostik zu den Kunden. Dabei erfolgt der Vertrieb des Produktes auf verschiedenen Wegen, unter anderem unterstützt durch Aktivitäten und Vorträge bei Konferenzen und Tagungen, durch Veröffentlichungen in Fachzeitschriften oder Beiträge in den sozialen Medien (Facebook, Twitter, Linkedin). Weltweit, so das ­GATTAquant-Team, könne der Vertrieb nicht allein gestemmt werden. Hier arbeite man deshalb bereits jetzt mit strategischen Partnern zusammen. »Unser Ziel ist es, der weltweit führende Anbieter von Standard- und Teststrukturen für die Milkroskopie und Diagnostik zu werden«, sagt Geschäftsführer Dr. Schmied.

Spin-off der TU ­Braunschweig

Patentanwalt Dr. Edgar Lins stellte als Jury-­Vorsitzender im Rahmen der Feierstunde alle vier Forscher vor, schilderte knapp deren Werde­gang und skizzierte den geglückten Transfer aus der Wissenschaft in die Wirtschaft: »Wir haben hier eine Transfersituation, die nicht ganz ungewöhnlich ist. Das Unternehmen ist ein Spin-off der Technischen Universität. Zwei Dinge sind bemerkenswert: Dass diejenigen, die aus der Uni rausgegangen sind, sich direkt in dieses Abenteuer Unternehmen gestürzt und eine Weichenstellung für ihr Leben bewerkstelligt haben. Dieser persönliche Aspekt ist einer, der mir persönlich sehr wichtig ist. Zum anderen ist festzustellen, dass die Universität in diesem Fall kräftig mithilft, hier einen unglaublich guten Willen zeigt.«

Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens

Aktuell laufen zur Erweiterung der Nano­meterlineale auf dreidimensionale Mikroskopie Betatests mit ausgewählten Kunden. Diese Lineale sollen langfristig einen wichtigen Teil des Umsatzes ausmachen. Für die Software ­GATTAnalysis wird hingegen kein kostendeckender Umsatzerlös aus dem Verkauf angestrebt. Hier soll die Refinanzierung der Entwicklungskosten in erster Linie durch softwarebedingte Umsatz­erhöhung der Mikroskopieproben erreicht werden. Somit setzt sich der Umsatz von ­GATTAquant beinahe zu 100 Prozent aus DNA-Origami-­basierten Produkten, dem Transfergegenstand, zusammen. Stand Juni 2017 konnte das Unternehmen Aufträge im Gesamtvolumen von rund 330 000 Euro generieren. Generell zeigen die bisherigen Umsatzzahlen, dass die Existenz der Firma nur durch den Transfergegenstand möglich wurde. Dieser hat zur Schaffung von derzeit vier sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen geführt. Neben drei von vier GATTAquant-Gründern ist seit März 2016 ein biologisch-technischer Assistent an Bord, der einen Großteil der täglichen Laborarbeit für die Produktion von Kunden­proben übernimmt, darüber hinaus aber auch in Forschungsprojekte eingebunden ist.

Die Festansprache hielt in diesem Jahr Professor Dr. Arno Kwade vom Institut für Partikeltechnik der TU Braunschweig. Für den musikalischen Rahmen sorgte das Quartetto scherzando.

Mehr Informationen finden Sie auf unserer Homepage unter Artikel-ID: 14369

Bild ganz oben: IHK-Präsident Helmut Streiff (l.) und der Juryvorsitzende Dr. Edgar Lins (r.) mit den vier Preisträgern 2017: Dr. Jürgen Schmied, Dr. ­Carsten Forthmann, Dr. Max Scheible und Professor Dr. Philip Tinnefeld (v. l.).

geschrieben von  pau