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Geschichten, die gefangen nehmen Mittwoch, 17 Januar 2018 09:21 Foto: André Pause

Geschichten, die gefangen nehmen

Lange überreden musste Rieke Muuß ihren Bruder vor etwa drei Jahren nicht. Ende 2014 hatte sie die Idee aus Budapest mitgebracht, ein Unternehmen zu gründen, das sogenannte Live Escape Games veranstaltet. »Wir sind alle große Rätselfanatiker und Drei-Fragezeichen-Fans«, erzählt Fridolin Muuß. Kein Hexenwerk – befanden die Geschwister, als sie die Geschäftsidee diskutierten und kalkulierten. Also los.

Schon am 2. Februar 2015 eröffnete der erste Standort von Hidden Games – Real. Live. Entertainment. in der Hamburger Rothenbaumchaussee. Rund 18 000 Euro wurden in den ersten Standort mit zwei Spielräumen, Büro und Empfangsbereich investiert. Mittlerweile sind Räume in Braunschweig, Hannover und nochmal Hamburg (an Bord der Schiffe Rickmer Rickmers und Cap San Diego) dazugekommen. Vor wenigen Wochen wurde in Zürich schließlich der erste internationale Standort »Hidden in Zürich« eröffnet. Eine für überregionale und internationale Projekte gemeinsam von allen sieben Gesellschaftern der drei bisherigen Standorte gegründete Hidden Industries GmbH tritt dabei als Franchisegeber auf. Auch diese hat ihren Gründungsort in Braunschweig.

Zeichen stehen auf ­Expansion

Die guten Erfahrungen in der Hansestadt vor knapp drei Jahren hatten Fridolin Muuß ermutigt, das Projekt gemeinsam mit seinen drei Freunden Stephan Diekmann, Hauke Loges und Daniel Unger auf Braunschweig auszudehnen. Gab es in den anderen Städten bereits erste Mitbewerber (in Hamburg vier, in ­Hannover zwei), war man mit der Idee Live Escape Game zwischen Harz- und Heide­land Pionier. Mittlerweile sind die Räume der Hidden in Braunschweig GbR (in jeder Stadt agiert eine eigenständige Gesellschaft) im Bruchtorwall so gut gebucht, dass in den Wichmann-Hallen in der Sophienstraße aktuell neue Räume entstehen. Auch sonst stehen die Zeichen auf Expansion. Über Standorte wolle man nicht sprechen. Nur so viel: Ausgereizt sei das Potenzial in unserer Region noch nicht.

Generell werden die Räume, und auch die Rätsel­konstellationen, jeweils so konzipiert, dass sie mit bis zu sechs Personen gut spielbar sind. »Wir haben uns dabei immer weiter professionalisiert. Ein stetig verbesserter Kulissenbau und an die Situation angepasste Rätsel sind da ein wesentlicher Bestandteil. Unsere ingenieurwissenschaftliche Ausbildung ermöglicht uns die Entwicklung eigener Automatisierungs- und Steuerungssysteme für unsere Abenteuer und wir bauen zunehmend Sound und Lichteffekte in den Rätselablauf ein. Alle Hidden Standorte treten am Markt als eine Marke auf und stehen dabei für qualitativ hochwertige Räume und ein rundes Rätselkonzept«, skizziert Fridolin Muuß, der das Geschäftsrisiko insgesamt eher für überschaubar hält.

Ein bisschen wie Theater

Im Idealfall ist allein das Setting so gut, dass der Spieler alles um sich herum vergisst, völlig in das Geschehen eintaucht und sich von der Geschichte gefangen nehmen lässt. Letztere wird analog zum jeweiligen thematischen Setting entwickelt. Ob Bühnen- und Kulissen­bau oder Storytelling: in nicht wenigen Aspekten ist das Geschäft vergleichbar mit einem Theater en miniature. Zusammen­gehen sollte am Ende natürlich irgendwie alles: »Würfelspiel und Raumschiff passen jetzt zum Beispiel nicht so gut zusammen«, lacht Muuß. Letztlich müsse das Gesamtpaket stimmen, findet er: ohne gute intuitive Rätsel, die Spaß machen und sich in der Methodik nicht häufig wiederholen gehe es ebenso wenig wie ohne hochbelastbare Mechaniken (Türen, Klappen, Schieber) und synchronisierte Audio- und Licht-Bespielung für die nötigen Wow-Effekte.

Mitarbeiter mit eigenen Ideen

Für den Kulissenbau haben die Unternehmer Profis angeheuert. Dominik Sosna ist einer von ihnen. Der Architekt und Tischler war in Berlin lange Jahre selbstständig. Seit September ist er 30 Stunden in der Woche festangestellt für Hidden in Braunschweig, aber auch für andere Standorte im Einsatz. »Bevor ich die Arbeit aufgenommen habe, hatte ich schon die Räume in Hannover gespielt. Was mich hier reizt: es gibt keinen Plan, den man stur abarbeitet. Man kann sich einbringen, Sachen mitentwickeln. Eigene Ideen sind gern gesehen«, betont der 44-Jährige. Hinzu kommt Personal, das die Räume fachkundig und charmant betreibt.

Bislang läuft es nebenbei

Diese hochwertige Arbeit kostet Geld. Geld, das Fridolin Muuß und Co. schon allein deshalb in die Hand nehmen, weil die Spieler »anspruchsvolle Räume und abgefahrene Locations mittlerweile einfach von uns erwarten«. Zur Höhe der anfallenden Kosten hüllen sich die Unternehmer in Schweigen, auch zur Einnahmensituation möchten sie keine Angaben machen. »Hängen bleibt bislang im Grunde gar nichts, weil wir alles direkt wieder reinstecken, um zu expandieren«, erklärt Muuß, der – wie alle seine GbR-Mitstreiter von Hidden in Braunschweig – hauptberuflich an der TU Braunschweig arbeitet.

Werbeeffekt durch ­Zwischennutzung

Neben der Eröffnung neuer Standorte ist Hidden in Braunschweig dazu übergegangen, auch mobile Räume zwischen zu nutzen. In den Schloss Arkaden wurde zuletzt ein Mieterwechsel bedingter Leerstand genutzt, um das Prinzip Escape Game via Pop-up-Store einer größeren Zielgruppe näherzubringen. Die Spieldauer sei in diesem Falle halbiert worden, dafür habe der Eintritt nur ein Drittel des regulären Preises betragen, so Muuß: »Letztlich macht man bei solchen Aktionen keinen Gewinn. Dafür ist der ­Werbeeffekt gigantisch. Der steht hier klar im Vordergrund.«

Bild ganz oben: Fridolin Muuß, Gründer von Hidden Games – Real. Live. Entertainment (r.), und Kollegen hatten Ende 2017 einen Pop-up-Store in den Schlossarkaden ­bezogen, um die Werbetrommel für ihre Escape Games zu rühren.

geschrieben von  pau