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Was wir von Ingo Lutz lernen können Dienstag, 06 Februar 2018 09:42 Foto: André Pause

Was wir von Ingo Lutz lernen können

Als Ingo Lutz vor 32 Jahren sein Schülerpraktikum im Wolfenbütteler Augen­optik-Fachgeschäft Hanssen absolvierte, hatte er sich eines sicherlich nicht vorstellen können: irgendwann einmal der Inhaber dieses Betriebes zu sein. Genau das ist jetzt passiert. Zum 1. Januar hat Lutz den Staffelstab von Firmengründer Jobst Hanssen übernommen. Das Geschäft in der Straße Krambuden trägt nun den Namen ­Hanssen by Herr Lutz.

Auch wenn der neue Chef des kleinen Unternehmens Augenoptikermeister aus Leidenschaft ist, das alles so gekommen ist wie es ist, darf getrost unter Schicksal verbucht werden. »Ursprünglich wollte ich Archäologe werden. Indianer Jones war immer mein großes Vorbild. Allerdings musste ich bereits nach anderthalb Jahren das Gymnasium aufgrund außergewöhnlicher schulischer Leistungen in Mathe und Französisch verlassen, ging dann auf die Realschule. Da stand bald das Schüler­praktikum auf dem Programm«, erzählt Lutz schmunzelnd.

»Irgendwann bin ich dann Samstag mit meiner Mutter durch die Stadt gegangen und wir standen genau vor diesem Laden, als meine Mutter mich fragte: ›Ingo, was willst Du eigentlich in Deinem Schülerpraktikum machen?‹ Dann guckte ich zu Hanssen-Optik und dachte: Augenoptiker fängt auch mit A an, das wäre vielleicht auch nicht schlecht.« Kurzentschlossen ging der heutige Inhaber in den Laden und kam alsbald mit einer Zusage der Eheleute Hanssen wieder heraus.

Die Ausbildungszusage im Praktikum

Der dreiwöchige Einblick überzeugte Lutz. Doch nicht nur er konnte sich vorstellen, weiter in diesem Beruf zu arbeiten. Auch Firmenchef Hanssen war von den Fähigkeiten seines Praktikanten schnell überzeugt und bot ihm an, einen Ausbildungsplatz freizuhalten. Unter der Bedingung, dass die Zusage des Optiker-­Talents noch an Ort und Stelle erfolgt. Kurze Zeit später waren die Bewerbungsunterlagen eingereicht, und Ingo Lutz konnte als erster in seiner Klasse einen Haken hinter das Kapitel Ausbildungsplatzsuche machen.

Gleich voll integriert

1988 erfolgte der offizielle Start in den Beruf. Unter verschärften Bedingungen. Die Gesundheitsreform im darauffolgenden Jahr warf ihre Schatten voraus. »Die Zuzahlung für Brillen wurde aus dem Leistungskatalog gestrichen, was dazu führte, dass alle Geschäfte kurzfristig überrannt worden sind«, erinnert sich Ingo Lutz, der das erhöhte Arbeitsaufkommen rückblickend positiv beurteilt. Auf diese Weise habe er vom ersten Tag an richtig mitmachen müssen und war somit sofort voll integriert. »Mir wurde nie das Gefühl gegeben, nur der Auszubildende zu sein. Streckenweise haben wir bis 22 Uhr hier gesessen und Brillen geschliffen. Das war natürlich ein Kickstart. So habe ich in der ersten Zeit gleich extrem viel gelernt.«

Meisterbrief und Geschäft statt Musiklehrer

Direkt nach der Ausbildung folgten der Wehrdienst und anderthalb Jahre als Geselle. Kurzzeitig habe der heute 46-Jährige daran gedacht, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen und Musik auf Lehramt zu studieren, spielte er doch Bass (und ein wenig Keyboard) in der temporär recht erfolgreichen Braunschweiger Band Crowd In sowie in der bundesweit gut gebuchten Robbie-Williams-Coverband No Regrets und hätte sich mit einer Karriere im Musikbereich inklusive des damit verbundenen Blicks über den Tellerrand sehr gut anfreunden können.

Herr Lutz, bitte ­übernehmen Sie!

Letztlich konnte Jobst Hanssen seinen Schützling davon überzeugen, bei seinem Leisten respektive der Augenoptik zu bleiben, schlug ihm vor, berufsbegleitend die Meisterschule in Hankensbüttel zu besuchen und dem Betrieb als Meister in fester Anstellung erhalten zu bleiben. Überlegungen, aus Hanssen früher oder später Hanssen by Herr Lutz werden zu lassen, habe es allerdings erst seit etwa zehn Jahren gegeben, sagt der neue Firmenchef. Vor zwei Jahren während einer zehnwöchigen Snowboard-Auszeit in den Alpen reifte bei Lutz, der den Sport noch immer regelmäßig ausübt und sogar Snowboard Instructor ist, der Entschluss: So langsam müsste ich das mal angehen. »2017 haben wir dann die jetzt zum Jahreswechsel erfolgte Übergabe genau besprochen.«

Die Perspektiven

Jetzt arbeitet Ingo Lutz mit seinen langjährigen Mitarbeiterinnen Claudia Strube und Kerstin Grosser ebenso weiter wie mit Marion ­Hanssen, die noch bis September halbtags tätig ist und dann ihrem Mann in den Ruhestand folgen wird. Seinen ehemaligen Kolleginnen weiterhin eine berufliche Perspektive zu geben, war dem neuen Inhaber wichtig. »Der Laden ist ja gewissermaßen eine Institution. Die sterben zu lassen oder jemandem in die Hände zu geben, der überhaupt nichts damit zu tun hat, der gar nicht so richtig versteht, worum es hier geht – das wäre schade gewesen. Auch für die Kunden, mit denen im Laufe der Jahre Freundschaften entstanden sind, hätte es mir leid getan. Und letztlich hätte es auch für ­Wolfenbüttel kein gutes Zeichen bedeutet, weil wir den inhabergeführten Einzelhandel in der Stadt dringend brauchen und auch nicht alles den Ketten überlassen können und dürfen«, skizziert Lutz, der – wenn möglich – zeitnah zwei feste Kräfte und einen Auszubildenden einstellen möchte.

Waren bislang alle Angestellten ausgebildete Augenoptikerinnen, könne sich Lutz auch vorstellen, Mitarbeiter mit Berufserfahrung im Einzelhandel zu beschäftigen: »Künftig müssen vielleicht auch andere Wege beschritten werden: Ich werde spartenübergreifend gucken. Es ist sicherlich möglich, in unsere Branche reinzuwachsen. Ich suche schlicht und einfach gute Mitarbeiter.«

Herausforderungen in der Branche

Neben dem Fachkräftemangel, der Personalverantwortliche allenthalben zur Verzweiflung bringt, macht dem stationären Handel ein weiteres Phänomen zu schaffen: die Online-­Konkurrenz. Die, so Lutz, werde im Bereich Augenoptik ebenfalls größer: »Wir merken das allerdings noch nicht so stark wie andere Branchen. Das hat vielleicht mit unserer Beratungskompetenz zu tun. Eine Brille kann man nicht ganz so einfach im Internet kaufen. Da muss die Brillengröße stimmen, die Stärke der Gläser auch und die müssen dann noch richtig zentriert werden. Da kommt viel zusammen. Was im Netz funktioniert sind Sonnenbrillen. Auch wenn wir diesbezüglich noch keine negativen Effekte verspürt haben.«

Selbst verkaufe sein Geschäft online noch nichts. »Ich habe mich viel mit dem Thema beschäftigt, habe aber ehrlich gesagt noch keine Plattform gefunden, von der ich denke, dass sie, was Brillenverkauf anbelangt, gut gemacht und ausgereift ist. Die Zeiten ändern sich so oder so, was bedeutet, dass ich mich natürlich immer wieder hinterfragen, anpassen und verändern muss. Es wird jedoch immer Menschen geben, die individuell beraten werden und echte Handwerkskunst erleben möchten. Für diese Menschen bin ich da.«

Liebe zum Job

Zu Umsatzzahlen möchte Ingo Lutz keine Angaben machen. Gut aufgestellt sieht er sich: »Wenn ich mein Auskommen habe, bin ich zufrieden, alles weitere sehe ich ehrlich gesagt als Geschenk an.« Dafür investiert er. Momentan seien es bestimmt zwölf Stunden pro Tag, den werktäglich mit dem Fahrrad zurückgelegten Arbeitsweg von Braunschweig nach ­Wolfenbüttel und zurück nicht mitgerechnet. »Aber ehrlich gesagt, kommt mir das nie wie Arbeit vor. Ich liebe diesen Job und brenne dafür, stehe morgens auf und freue mich. Ich habe tolle Kunden und tolle Mitarbeiter, das macht es mir leicht. Dass ich mich irgendwann selbstständig mache, war für mich irgendwie klar. Dass es mit diesem Laden geklappt hat, ist einfach super.«
geschrieben von  pau